Newcastle/Oldenburg - Den Mann möchte man zum Freund haben. Sympathisch, klug, loyal, in Maßen humorvoll und sehr einfühlsam, zumindest im Kern der Persönlichkeit. Freilich muss man in Kauf nehmen, dass der junge Mann auch ein Mörder, Folterer und Gangster ist, dieser David Blake aus Newcastle im Norden Englands.
Blake leitet am Ende als Oberboss die größte Gangsterbande der Stadt – nachdem er seinen Vorgänger erschossen, dessen Tochter geheiratet, alle Widersacher zügig beseitigt hat. Die Leichen lässt dieser nordische Don Corleone gern auf einer Schweinefarm entsorgen. Schließlich, so belehrt uns Blake, fressen Schweine alles. Und wir essen leider die Schweine, aber das ist ein anderes Thema.
Fahrt mit Achterbahn
Howard Linskey hat mit seinen drei inzwischen ins Deutsche übersetzten Romanen „Crime Machine“, „Gangland“ und „Killer Instinct“ eine Trilogie vorgelegt, die unter den Krimis der letzten Jahre einzigartig herausragt. Gewiss, sie sind nicht neu, die Krimis aus der Perspektive von Verbrechern. George Simenon schrieb schon 1936 das Buch „Der Mörder“ über einen Mann, der die Fremdgeherei seiner Frau rabiat beendet. Aber Linskey gelingt es noch viel stärker – und wenn man so will: viel unverschämter und frecher –, uns Sympathien für den Gangster Blake abzuringen.
Das hat damit zu tun, dass wir in den drei Romanen immer eng an Blake bleiben, mit der Gestalt leben. Der Autor lässt Blake oft aus der Ich-Perspektive von sich und seiner Herkunft von ganz unten erzählen. Oder davon, wann man ein Exempel mit rauchenden Waffen statuieren, die Polizei schmieren oder einfach nur windig sein muss.
Der Autor Linskey wurde 1967 in Nordengland geboren. Er hat einen bunten Lebenslauf: Barkeeper, Catering-Manager, Marketing-Spezialist und Journalist. Er schreibt für Zeitungen und Zeitschriften und lebt inzwischen bei London. „Crime Machine“, der erste Krimi der Reihe aus dem Jahr 2011, ist sein Debüt gewesen – und gleich ein Riesenerfolg geworden. „Ein Dashiell Hammett aus Newcastle“ schwärmte die Zeitung „The Times“.
Rest von Anstand
Von Band eins bis Band drei wird der holprige Aufstieg Blakes geschildert, ein Aufstieg, der immer wieder vom Absturz bedroht wird. Blake arbeitet als Gangster im Dauerstress, immer in Gefahr, bedroht von Gewalt und Verrat, ewig auf einer Achterbahnfahrt: versprochene Schutzgelder bleiben aus, Übergaben missglücken, andere englische, serbische oder russische Syndikate wollen Gebiete gewinnen, die Polizei sitzt ihm im Nacken.
Wie der intellektuell ausgerichtete Blake mit seinen fiesen Straßengangstern im Schlepptau den Wust an Gefahren meistert, lädt trotz Amoralität und Brutalität zum Mitfühlen mit dem Helden ein. Natürlich tröstet uns über Bedenken hinweg, dass Blake nicht durchgeknallt ist, wie etwa der von Jack Nicholson im Film „Departed“ dargestellte Gangsterboss Costello.
Blake wirkt zum Schluss mit Frau und Tochter Emma und Eigenheim sogar fast bürgerlich, auf jeden Fall wie ein moderner, netter Geschäftsmann, der seinen Laden ganz gut managt. Insoweit lässt sich der Kriminalroman auch als Gesellschaftskritik lesen: Die Gangsterwelt als lediglich andere Seite ein- und derselben bürgerlichen Medaille.
Sicher, Blake handelt mit Heroin (aber bitte nicht an Kinder!). Gewiss, das Syndikat profitiert von Prostitution (aber nur erwachsene Frauen und kein Menschenhandel!). Der skrupellose Mister Blake hat einen Restanstand. Die meisten Typen, und die er attackiert, foltern oder beseitigen lässt, sind noch viel übler als er – wozu einiges gehört.
Übrigens: Nirgends in Linskeys Romanen wird einer zum Verbrecher, nur weil seine Mami nie mit ihm geknuddelt hat.
Wer richtig dunkle Krimis mag, wird diese tiefschwarzen Romane lieben. Nebenbei kann man die Bücher als Reiseführer durch Newcastle nutzen. Eine wunderbare Alternative zu den längst ausgelutschten Venedig-Schmonzetten einer Donna Leon.
