Oldenburger Land - Der äußerliche Eindruck der Psychiatrie in Wehnen (Bad Zwischenahn/Kreis Ammerland) kam im Dritten Reich dem eines KZ sehr nah. „Die Menschen, die hier gelebt haben, die hier vegetieren mussten, waren bis zum Skelett abgemagert und konnten sich kaum auf den Beinen halten. Ansonsten mussten sie sich zum Sterben hinlegen. Die Patienten waren hinter vergitterten Fenstern, hier herrschte ein KZ- und Gefängnischarakter.“

Diese drastischen Schilderungen stammen aus einer Opferbiografie, die in einem neuen Forschungsband nachzulesen ist. Das Werk „Forschungen zur Medizin im Nationalsozialismus – Vorgeschichte, Verbrechen, Nachwirkungen“ beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit der NS-Medizin im Oldenburger Land. Herausgegeben wurde es von Dr. Alfred Fleßner, Dr. Uta George, Dr. Rolf Keller und Dr. Ingo Harms. Fleßner ist Mitbegründer der Forschungsstelle Geschichte der Gesundheits- und Sozialpolitik an der Uni Oldenburg, George arbeitete mehr als 15 Jahre als pädagogische Mitarbeiterin der Gedenkstätte Hadamar (Mittelhessen), Keller ist Leiter der Gedenkstättenförderung Niedersachsen und Harms, ebenfalls an der Uni Oldenburg tätig, ist seit 2012 an dem Forschungsprojekt „Nach dem Krankenmord“ zur Untersuchung der Nachkriegspsychiatrie in den vier Besatzungszonen beteiligt.

Der jetzt erschienene Forschungsband geht auf eine Fachtagung in der Karl-Jaspers-Klinik in Wehnen im Jahre 2012 zurück. „Wehnen war das Zentrum der Morde an psychisch Kranken der gesamten Nordwest-Region“, sagt Harms.

Der am Montag in der Gedenkstätte „Alte Pathologie“ in Wehnen vorgestellte Sammelband präsentiert neuere Untersuchungen über Voraussetzungen, Geschichte und Folgen der Medizin im Nationalsozialismus. Zwölf Autoren geben aus unterschiedlichen Perspektiven Einblick in die Vielfalt der thematischen Aspekte und historiographischen Ansätze. Das Spektrum reicht vom Hungersterben psychiatrischer Patienten im Ersten Weltkrieg über die Medizinverbrechen im Nationalsozialismus, deren juristische Bewältigung und gesellschaftliche Wahrnehmung bis zur Erinnerungskultur und Ethikdiskussion in der Gegenwart.

Der Forschungsband ist im Wallstein Verlag erschienen, über den Buchhandel oder in der Gedenkstätte in Wehnen zu beziehen (255 Seiten, 29,90 Euro).

 Interview, Seite 10