Oldenburg - Eine gar traurige Liebesgeschichte rankt sich um die Eber-Skulptur auf dem Everster Marktplatz. Wer hat’s gewusst? Wohl niemand. Bis jetzt. Denn die Romanze, die so bitter endete, hat sich Hanna Seipelt ausgedacht. Die Hobbyschriftstellerin, die sich bisher in drei Büchern in Gespenstergeschichten für Kinder mit der Oldenburger Historie befasst hat, geht nun einen anderen Weg. „Neue Oldenburger Sagen“ heißt ihr aktuelles Werk. Gerade ist es im Isensee-Verlag erschienen.
Ihre „Sagen“ setzt Hanna Seipelt in Verbindung mit Skulpturen, Plätzen, Gebäuden und Orten in Oldenburg und Umgebung. „Es gibt vieles in dieser Stadt, an dem ich einfach so vorbeigelaufen bin. Erst durch einen Austausch in einem sozialen Netzwerk habe ich mir über einige Orte und deren Entstehungsgeschichte Gedanken gemacht“, erzählt die 70-Jährige. So zum Beispiel über die drei Bären, die früher beim (längst abgerissenen) Hallenbad standen. Was haben die Bären mit Oldenburg zu tun?
Bären aus Russland
Nach Hanna Seipelts „Sage“ brachte Herzog Peter Friedrich Ludwig, als er im Jahr 1813 aus seinem Exil in Russland nach Oldenburg zurückkehrte, drei junge Bären aus St. Petersburg mit, um sie im Wunderburgpark neben allerlei exotischem Getier auszustellen. Das mit dem Exil in Russland ist wahr, und den „Garten auf der Wunderburg“ gab es auch. Alles andere entstammt der Fantasie der Oldenburgerin.
Darüber klärt sie in ihrem Buch aber auf. Allgemeine Hinweise zum jeweiligen Hintergrund gibt es im Anhang. Somit sind Dichtung und Wahrheit für die Leser voneinander zu unterscheiden.
Für Verleger Florian Isensee ist dieses Buch ein „spannendes Experiment“: „Etwas, dass in der virtuellen Welt des Internets entstanden ist, führt zu einem traditionellen Ergebnis, nämlich zu einem realen Buch.“ Und lustig sei es doch, dass Hanna Seipelt dafür eine der ältesten Literaturgattungen ausgesucht habe.
In 19 kurzen Geschichten stellt die Ofenerdiekerin ihre Sicht auf die Dinge dar. „Ich habe mich bewusst kurz gehalten. Wie bei alten Sagen sind auch meine eine Aneinanderreihung von Begebenheiten.“ Die wahren Hintergründe hat die Hobbyschriftstellerin zunächst recherchiert, dann aber ihre Fantasie schweifen lassen. So zum Beispiel bei der Geschichte vom „geteilten Stein“ auf dem Cäcilienplatz. Der „Megalithische Stein“ stammt in Wirklichkeit aus einem Steinbruch in Norwegen. Für Hanna Seipelt verbirgt sich jedoch eine tragische Liebesgeschichte im Granit.
Wahrheit und Fiktion
Für Florian Isensee sind die Sagen der Diplom-Psychologin (im Ruhestand) ein „fantastischer Stadtrundgang“, der die Augen der Passanten für besondere Ecken auf besondere Weise öffnet. Auch in alten Sagen seien ja Wahrheit und Fiktion verwoben worden. „Und alte Sagen sind kein Heiligtum. Man kann auch neue erfinden“, meint der Verleger, „es gibt ja auch Neues in der Stadt, wie zum Beispiel den Eber auf dem Everster Marktplatz“.
Seit November 2005 steht die Skulptur dort, die der Everster Künstler Gerhard Brüning konzipiert und die Oldenburger Kunstgusswerkstatt Harms in Bronze hergestellt hat. Der Eber geht auf die Familie „von Everse“ zurück. Die hatte eine Tochter namens Almode, die im Kloster Blankenburg aufgenommen wurde. Das ist auch historisch belegt.
Hanna Seipelt aber dichtet der lieblichen Almode die Liebe zu einem Schweinehirten an. Den durfte die Adelige selbstverständlich nicht heiraten und wurde ins Kloster verbannt. Der Hirte starb an gebrochenem Herzen. Ein Eber aus seiner Herde verwilderte. Was mit ihm geschah, ist in den „neuen Sagen“ nachzulesen. Und zum Anfassen gibt es den Eber ja in der realen Welt in Eversten.
Klassischerweise werden Sagen mündlich überliefert – also bei Lesungen. „Da stehe ich bereit“, sagt Hanna Seipelt.
