Wenn ein junger Mann einen sicheren Job beim Finanzamt mit geregeltem Acht-Stunden-Tag aufgibt, um in die Gastronomie zu wechseln, dann muss eine ganz besondere Frau im Spiel sein. Der junge Mann ist Richard Vosteen, der für seine Thea seinen Beruf aufgab, um mit ihr gemeinsam die Gaststätte „Backenköhler“ in Stenum zu führen.

„Ich habe diesen Schritt nie bereut, obwohl es anfangs auch nicht immer einfach war“, erinnert sich Richard Vosteen. In wenigen Wochen wird er 80 Jahre alt und dann wird er vielleicht in einer stillen Stunde diese acht Jahrzehnte Revue passieren lassen. Wie heißt ein Buch der legendären Heidi Kabel? „Manchmal war es nicht zum Lachen“ – so war es auch bei Richard Vosteen.

Seine Eltern hatten in Dwoberg eine kleine Landwirtschaft. Kurz vor Weihnachten 1941 erhielt die Familie die Nachricht, dass der Vater im Krieg gefallen war. Keine leichte Zeit für Mutter Frieda, die nun alleine ihre Jungs Richard und den jüngeren Bruder Herbert durchbringen musste. 1947 heiratete sie Arthur Froeschke, ein Jahr später vervollständigte Hannelore die neue Familie.

Da Richard als Kind sehr kränklich war, wurde er erst mit sieben Jahren eingeschult. Dafür war er ein guter Schüler und legte in der Oberschule an der Willmsstraße 1954 die Mittlere Reife ab. „Zu dieser Zeit gab es nur ganz wenige Ausbildungsplätze“, erinnert sich Richard. Auf Anraten eines Freundes stellte er sich bei der Korkfabrik J.H. Tönnjes vor und konnte hier auch gleich als Lehrling zum Industriekaufmann anfangen. Nach seiner Ausbildung blieb er bei Tönnjes, aber Aufstiegschancen gab es hier so gut wie keine. Eine Arbeitskollegin gab ihm 1958 den Tipp: „Die beim Finanzamt suchen Leute.“ Richard stellte sich vor und konnte gleich anfangen.

Mittlerweile war die Musik für Richard zu einem großen Hobby geworden. Schon in der Schule hatte er in Musik immer gute Noten. Sein Vater hatte ein kleines Akkordeon. Das faszinierte ihn so sehr, dass er in jungen Jahren bei Richard Backenköhler Unterricht nahm. Tanzen lernte er bei Max Bartholomay, und der nahm ihn auch gleich in seiner Kapelle auf, die dann immer auf Abtanzbällen spielte.

„Nur“ auf Abtanzbällen zu spielen, das war Richard irgendwann nicht mehr genug, und so wechselte er zur Tanzkapelle „Ganderkeseer Jungs“. Die machten auf Bällen und Familienfeiern Stimmung. Mit den „Ganderkeseer Jungs“ spielte er in viele Gaststätten der Umgebung. Besonders gerne war er allerdings im Hause Backenköhler in Stenum. Das hatte einen Grund: Er hatte ein Auge auf die junge Thea Lange geworfen.

Näher kamen sich die beiden aber erst bei einem Faschingsball in Ganderkesee. Da Thea „Backenköhler“ einmal von ihrer Mutter Anni Lange übernehmen sollte, brauchte sie einen Gastwirt an ihrer Seite. Richard gab seinen Job beim Finanzamt auf und absolvierte 1959 kurz vor der Hochzeit noch ein kurzes Praktikum bei „Brinkmeyers Strandlust“ am Dümmer See.

Auch die Familienplanung schritt schnell voran: 1960 wurde Tochter Rita geboren, zwei und zehn Jahre später die Söhne Uwe und Jürgen. Thea und Richard schafften es, weder ihre Kinder noch ihr Gasthaus oder ihre Gäste zu vernachlässigen. „Wir haben immer zusammengehalten, so konnten wir alles gemeinsam meistern“, erzählt Richard.

Beide bewiesen viel Weitblick, denn immer wieder wurde modernisiert und neu gebaut, wie zum Beispiel 1969 und 1980 das Gästehaus. Thea und Richard gaben allen Gästen immer das Gefühl, im Hause Backenköhler willkommen zu sein. Für Richard Vosteen war es selbstverständlich, dass er erst dann das Haus verließ, wenn der letzte Gast gegangen war. Auch die Außenanlage war Chefsache, denn Richard war für seinen grünen Daumen bekannt.

1992 übernahmen Uwe Vosteen und Ehefrau Cerstin die Leitung des Unternehmens. Nun hatten Richard und seine Thea mehr Zeit für Freunde, Urlaub auf Norderney oder um gemeinsame Zeit in ihrem Haus in Stenum zu genießen. Gerne spielte Richard dann seiner Thea auf dem Klavier vor.

Es hätten noch viele gemeinsame Jahre werden können, aber das Schicksal wollte es anders: Im Mai 2012 verstarb Thea nach langer Krankheit. Nach 53 Ehejahren muss Richard nun ohne Thea auskommen. Seine Kinder, Enkelkinder und viele Freunde sind immer für ihn da, und mit ihnen möchte er im April seinen Geburtstag feiern. Das Klavier im Wohnzimmer hat Richard seit dem Tod seiner Thea nicht mehr angerührt.

Richard Vosteen, ehemaliger Wirt des Hotels Backenköhler in Stenum