NEUENFELDE - „Wollen wir ein tutti-frutti-Potpourri, wollen wir eine Erzählung ,in toto‘ auf uns wirken lassen oder soll es ein Kapitel aus einer Novelle sein?“ Reinhard Rakow, Maler, Autor, Lyriker und seit kurzem Wesermarsch-Neubürger, stellt sein Auditorium im Neuenfelder Atelier „Honazuni“ vor die Wahl. Das Publikum des ersten Abends von Rakows Lesungsreihe „Ohr:Zeit“ entscheidet sich mehrheitlich für die Erzählung „EF 1“. Doch vor der Prosa ein bisschen Lyrik – auch hier darf ausgewählt werden. Das Publikum bestimmt die Seitenzahl nach Geburtstagen oder anderen persönlichen Daten. Rakow schlägt auf, liest Lyrik aus seinem Band „Lhasa es pocht scharlachrot“ und seine Zuhörer erkennen, dieser Autor ist keiner, der den Dingen des Lebens das Deckmäntelchen der Wohlanständigkeit um die Schultern hängt.

Das gilt auch für die folgende Erzählung „EF 1“. Gemeint ist damit ein Gebäude einer psychiatrischen Klinik. Rakow erzählt vom Besuch eines Anwalts bei einem Klienten, einem Insassen dieser „Irrenanstalt“. Mit bizarren Metaphern und Wortkaskaden beschreibt der Autor den labyrinthartigen Weg des Protagonisten vom Parkplatz hin zu den „Zellklumpen aus rotem Klinker“, vorbei an „jungen Frauenmumien, räudigen Schlampen und paffenden geschlechtslosen Männern“, vorbei an den weiß gewandeten Helfern „alle in den natürlichen Farben der Leukozyten“. Wegen „mangelnder Krankheitseinsicht“ ist der krebskranke Willi Schumann in die Anstalt eingewiesen worden. „Ein Fall von Eigengefährdung mit paranoiden Tendenzen“ begründet der hinzugekommene Richter geschwätzig und maliziös die Einweisung des Klienten. Für den Anwalt nimmt der Klientenbesuch ein tragisches Ende. Zurück im Auto ist ein Strick um den Hals das Letzte was er spürt, er wird das Opfer einer mörderischen Verwechslung – die Rache eines

Insassen galt eigentlich dem zynischen Richter.

„Wie leichthändig sich die Gesellschaft derer entledigt, die sie nicht erträgt“, dieser Gedanke des Anwalts geht am Schluss der Erzählung auch Rakows Zuhörern durch den Kopf. Die Bilder im Kopf lassen nur einen leisen Applaus zu.

Das Atelier „Honazuni“ bietet die Lesungen „Ohr:Zeit“ an jedem 15. eines Monats jeweils ab 20 Uhr an. Voranmeldungen sind nicht erforderlich, aber willkommen. Kontakt: „Honazuni“, 04404/5342, Reinhard Rakow 04406/920046.