Oldenburg - Wie geht man damit um, wenn der eigene Vater im Sterben liegt? Und wie trifft man eine Entscheidung, wann sein Leben enden soll? Der Schriftsteller Andreas Schäfer sah sich mit genau diesen Fragen konfrontiert, als er 2018 am Bett seines Vaters Robert stand. Über diese Zeit und viel mehr noch über die davor hat er ein bemerkenswertes Buch geschrieben.
Es keimt sehr früh beim Lesen das Bedürfnis auf, schnell noch einmal einen Blick auf das Cover zu werfen. Ist dies nicht vielleicht doch ein Roman? Eine fiktive Geschichte, die Schäfer möglicherweise gar nicht widerfahren ist? Aber nein: Das alles ist tatsächlich so passiert.
Kurz nach einem Besuch bei seinem Sohn begibt sich der Vater zu einer Untersuchung, ein längst überwundener Krebs scheint zurückgekehrt zu sein. Der Vater mag das alles kaum glauben. „Ich habe keine Schmerzen“, sagt er, und: „Da ist was!“. Und „eher verwundert als verzweifelt“ fügt er fragend hinzu: „Dass da was ist?“
Die Diagnose
Nach der Untersuchung erhält Andreas Schäfer schließlich einen Anruf; der Vater habe eine Hirnblutung erlitten. „Wir haben ihn ins künstliche Koma versetzt“, klärt ihn der Oberarzt am Telefon auf. „Sobald die Maschinen abgestellt werden, wird er versterben.“ Andreas Schäfer solle ins Krankenhaus kommen – und dann steht da dieser Satz in der Welt, denn es geht eben nicht nur darum, Abschied zu nehmen: „Und um zu entscheiden, wann wir die Maschinen abstellen.“
Wer will solch eine Entscheidungen treffen? Wer möchte am Bett seines Vaters stehen und darüber richten, wann sein Leben endet? Andreas Schäfer gerät in eine emotionale Ausnahmesituation. Und setzt im Rückblick seine ganze Schreibkunst ein, um das Erlebte zu verarbeiten, Erinnerungen lebendig zu halten und sich der Beziehung zu seinem Vater bewusst zu werden.
Der Rückblick
Wer war sein Vater eigentlich? Wie ist er zu dem geworden, als der er sich tatsächlich präsentierte? Schäfer forscht in Dokumenten, reist an wichtige Orte der eigenen Familiengeschichte, setzt sich intensiv mit der Vergangenheit auseinander. Gräbt tief im eigenen Gedächtnis. Es ist ein überaus liebevoller Blick auf einen Menschen, der doch immer auch ein wenig rätselhaft geblieben ist.
Andreas Schäfer spart auch kritische Blicke auf das Leben seines Vaters nicht aus, betrachtet die Ehe mit der griechischen Ehefrau von Robert. Eine Ehe, die Schäfers Vater die Verbindung zu den eigenen Eltern kostete, die eine solche Liebe zu einer Ausländerin nicht zu akzeptieren bereit waren.
Der kluge Aufbau des Buches, die intime, aber niemals voyeuristische Betrachtung der Familie, die fein formulierten Sätze – all das macht „Die Schuhe meines Vaters“ zu einem beeindruckenden Buch.
Andreas Schäfer: Die Schuhe meines Vaters. Dumont, 2022, 189 Seiten, 22 Euro.
