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Museum Im Landrichterhaus Leinen kleidet: Von der Wiege bis zur Bahre

Werner Menke

Neustadtgödens - Vom Taufkleid über das Brautkleid bis zum Sterbehemd und Bahrtuch – Leinen hat das Leben unserer Vorfahren in allen Schritten begleitet.

Heute erinnern nur noch Ausstellungen wie die gegenwärtige im Landrichterhaus Neustadtgödens daran: Seit März zeigt das Landrichterhaus „Leinen-los – 475 Jahre Hafen, Leinenweberei und religiöse Vielfalt in Neustadtgödens“, mit der die herausragende Bedeutung der Leinenherstellung und des Leinenhandels für die 1544 neu angelegte Ortschaft aufgezeigt wird.

Grundlage von Leinenherstellung und -Handel waren der Anbau von Lein und das daraus nach vielen Arbeitsschritten gewonnene Garn. Leinanbau und Flachsspinnerei spielten allerdings in Neustadtgödens selbst keine größere Rolle, Garne und vielfach auch gewebtes Grobleinen wurden vielmehr aus den umliegenden Regionen (Ammerland, Friesische Wehde) importiert. Dennoch zeigt die Ausstellung im Landrichterhaus auch diese Facetten; im Museumsgarten wurde sogar eigens ein – inzwischen gerauftes, also abgeerntetes – Flachsfeld angelegt.

Vergessene Techniken

Heute sind die Arbeitstechniken weitgehend vergessen, zu ihrer Zeit jedoch haben sie sich prägend auch auf das Geistesleben ausgewirkt. Viele Spuren davon finden sich in unserem kulturellen Erbe – im Sprichwörterschatz oder als Motive in Dichtung und bildender Kunst.

Kaum zu erfassen dürfte etwa die Zahl der Dichtungen sein, die um das Sujet Spinnrad bzw. Spinnen kreisen. So gehört die Szene ‚Gretchen am Spinnrad’ zu den eindrucksvollsten von Goethes Schauspiel ‚Faust I‘; und Brentanos ‚Der Spinnerin Nachtlied‘ ist wohl eines der meistzitierten Gedichte der deutschen Romantik.

Ein Gedicht von Johann Heinrich Voß (1751 bis 1826) beschreibt die Schritte der historischen Flachsverarbeitung (siehe Kasten). In einer offenbar von Voß selbst stammenden Anmerkung heißt es: „Die Bearbeitung des Flachses kennt jeder, der dieses Lied zu singen oder zu lesen würdigen wird.“

Heute, wo kaum noch jemand die Bearbeitung des Flachses kennt, mag umgekehrt das Gedicht dazu dienen, dieses verlorene Wissen wieder zu vergegenwärtigen: Beim Brechen des Flachses werden die hölzernen Anteile des Flachsstängels von den Fasern zur weiteren Verarbeitung getrennt. Das verwendete Werkzeug ist die Breche; als Schebe (auch: Schäbe) bezeichnet man den hölzernen Abfall.

Poetischer Vortrag

Das Museum im Landrichterhaus bietet am Sonntag, 27. Oktober, um 16 Uhr eine Lesung mit Werner Menke an. „Vom Lein zum Linnen – die Spiegelung der Flachsverarbeitung in der Dichtung“ ist Thema. Bei einer Teestunde trägt er Gedichte zu Flachs und Lein vor und erläutert sie, um damit neue Blicke auf die Ausstellung „Leinenlos“ zu eröffnen. Der Eintritt ist frei.

Viele Arbeitsgänge bei der Flachsverarbeitung und Leinenherstellung wurden von Frauen und Mädchen durchgeführt. Da diese Arbeiten oft in Gruppen erledigt wurden, waren sie auch gesellige Vorgänge, bei denen gesungen und erzählt wurde.

Hunderte-Regel

Für den Anbau des Flachses galt die Hunderte-Regel: Die Aussaat des Leins sollte erst nach dem 100. Kalendertag, also etwa ab Mitte April, beginnen, dann brauchte die Saat ca. 100 Stunden bis zur Keimung. Weitere 100 Tage später, also ab Ende Juli, folgte die Ernte, das Ausraufen der Stängel. Diese wurden anschließend geriffelt: Sie wurden durch die Riffel oder Flachsraufe gezogen, um die Samenkapseln (die „Bollen“) abzustreifen, aus denen der Leinsamen ausgedroschen wurde, um Saatgut fürs kommende Jahr oder Leinöl zu gewinnen.

Die Flachsstängel wurden geröstet – der Rottungs- (Faulungs-) Prozess lockerte das pflanzliche Gewebe zur Faser- Gewinnung auf. Das geschah entweder in einer wassergefüllten Kuhle („Flachsröste“) oder bei der Tau-Röste auf dem offenen Feld, auf dem die Flachsgarben ausgebreitet wurden.

Da im Anschluss an die Rotte die feuchten Flachsbündel zunächst getrocknet („gedarrt“) werden mussten, konnte das Flachsbrechen als wichtiger Arbeitsschritt erst einige Zeit nach dem Ausraufen einsetzen; in der Regel war es dann schon September oder Oktober. Auf diese herbstliche Zeit spielt die zweite Strophe des Voß-Gedichts an.

Die dritte Strophe stellt das Brechen des Flachses als recht groben Prozess dar, der der Leinpflanze widerfährt, die zur Blütezeit eigentlich ein eher zierliches Gewächs ist. In früheren Zeiten, als der Leinanbau bei uns noch eine Rolle spielte, haben die zarten blauen Leinblüten für die kurze Blühzeit das Bild der bäuerlichen Kulturlandschaft im Sommer bestimmt.

Das Brechen des Flachses war eher ein Zerquetschen („Knicken“). Zerbrechen wäre von Nachteil, weil dabei auch die langen Fasen zerbrochen würden, auf die es für die Leinenproduktion ankommt. Sie liegen im äußeren Bastteil des Stängels.

Weibliche Tätigkeit

In der 5. Strophe werden die Schwinge und die Hechel als Werkzeuge genannt. Die Schwinge besteht aus zwei Teilen, einem aufrecht stehenden Brett, über dessen Oberkante der Flachs gelegt wurde, und dem Schwingholz, mit dem die herabhängenden Flachsbündel ausgeschlagen wurden, um die noch anhaftenden Holzteile zu entfernen. Danach wurde der Flachs mehrmals „durchgehechelt“, also durch die eisernen Kämme der Hechel gezogen. Dabei wurden die noch zusammen haftenden Bastteile in einzelne Flachsfasern getrennt und diese zugleich ausgerichtet. Kurze Faserstücke fielen als ‚Werg‘ ab, das noch als Isoliermaterial verwertet werden konnte, etwa beim Kalfatern von Booten.

Das Gewinnen des Garns aus den Fasern, das in der Spinnstube stattfand, war in erster Linie eine weibliche Tätigkeit – und erforderte ein hohes Geschick: Die Spinnerin musste das Spinnrad durch ihren Fußtritt in Bewegung halten („trillen“) und die Flachsfasern gleichmäßig aus der ‚Knocke‘, dem zopfartig zusammengedrehten Bund gehechelten Flachses auf dem Rocken, zu ziehen und dem Spinnflügel zuzuführen, wo sie miteinander zu einem Faden verdreht und auf die Spule aufgewickelt wurden.

Um die Fasern geschmeidig zu machen, wurden sie befeuchtet, dazu beleckte die Spinnerin ihre Finger, der Poet spricht hier vom „Kuss“.

Das aufgehaspelte Garn wurde dann vom Weber zu Leinwand (Stoff) verarbeitet, die im Frühjahr noch durch Laugen vorbehandelt („gebeucht“) und dann an der Sonne gebleicht wurde.

Aus dem fertigen Leinen wurden die verschiedensten Textilien hergestellt, das Gedicht spielt in seiner letzten Strophe auf die Laken des Brautbetts und die Nachtkleidung des Brautpaars an.

In einem späteren Gedicht des schwäbischen Romantikers Justinus Kerner wird die Bedeutung des Linnens für das Leben des Menschen noch umfassender dargestellt:

Zarten Leib in dich gekleidet Tritt das Mägdlein zum Altare; Liegst, ein segnend Kreuz, gebreitet Schimmernd über dunkler Bahre.

Bist des Säuglings erste Hülle, Spielest lind um seine Glieder; Bleich in dich gehüllt und stille Kehrt der Mensch zur Erde wieder.

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