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NWZonline.de Nachrichten Kultur

„Niemand wird seinen Platz hier je einnehmen können“

22.04.2017

Minneapolis Was von Prince noch übrig ist, wird gleich doppelt von den weißen Mauern Paisley Parks geschützt. Ein Miniaturmodell des Anwesens, geschmückt mit dem lilafarbenen Symbol, das der Sänger eine Zeit lang als Pseudonym verwendete, steht in einem Kasten aus mattem Glas hoch an der Wand über dem Atrium des Gebäudes. Darin wird seine Asche aufbewahrt. Durch die Oberlichter schimmert die trübe Sonne Minnesotas in den Raum, der plüschige Teppich ist mit Sonnen, Monden und Sternen verziert, die Wände sind mit hellblauem Himmel und weißen Wolken bemalt. Auf der Galerie im ersten Stock sitzen weiße Tauben in Volieren.

„Prince hat in diesem Raum viel Zeit verbracht und sich hier sehr wohlgefühlt“, sagt Mitch, der eine Gruppe Besucher durch das Anwesen führt. „Also fühlte seine Familie, dass dies ein guter Platz für seine Urne wäre.“ Mitch deutet auf zwei Beistelltischchen mit Taschentuchschachteln. „Für viele Menschen ist dies ein sehr emotionaler Moment der Tour.“

Paisley Park war Princes Zufluchtsstätte, sein Spiel-, Wohn- und Arbeitsplatz. Von außen wirkt der 1987 fertiggestellte Komplex in Chanhassen, am Rand der Vororte der Metropole Minneapolis im US-Bundesstaat Minnesota, wie ein unscheinbarer, fast fensterloser Zweckbau. Aber hinter den dicken Mauern versammelte Prince auf rund 6000 Quadratmetern alle seine Habseligkeiten, seine Auszeichnungen, Kostüme und Instrumente, und baute sich ein Musik-Paradies mit mehreren Aufnahmestudios, Bühnen und Videoproduktionsräumen.

Im Aufzug des Anwesens wurde Prince am Freitag (21. April) vor einem Jahr leblos gefunden und kurz darauf für tot erklärt. Eine Überdosis Schmerzmittel, auch wenn die genauen Umstände immer noch nicht geklärt sind. Prince wurde 57 Jahre alt.

„Es war ein bittersüßes Jahr, es war eine große Herausforderung, aber wir hatten auch Spaß. Es war eine Achterbahn der Gefühle“, sagt Aaron Meyerring, der rund zwanzig Autominuten von Paisley Park entfernt im Büro seines Plattenladens „Electric Fetus“ sitzt. Der 33-Jährige gehört zu den letzten Menschen, die Prince lebend gesehen haben. Fünf Tage vor seinem Tod kam der Musiker in den Laden. Krank habe er nicht gewirkt, sagt Meyerring. „Er sah aus wie Prince, einfach cool. Er sah aus wie ein Rockstar, wie ein 57 Jahre alter Rockstar.“ Prince kaufte sechs CDs, unter anderem von Stevie Wonder und Santana, und bedankte sich danach via Twitter. Der Tweet prangt heute auf T-Shirts und Tassen, die „Electric Fetus“ als Souvenirs verkauft.

Prince war seit Jahrzehnten Kunde des Ladens, schon als Meyerrings Schwiegervater ihn noch betrieb. „Er kam natürlich nicht jeden Tag vorbei, manchmal vergingen Jahre, in denen wir ihn nicht gesehen haben“, sagt Meyerring. „Aber dann war er wieder da, im Februar zum Beispiel, da hatten wir hier einen Blizzard mit 25 Zentimetern Schnee. Jemand aus seinem Team rief an, ob der Laden voll ist, und mein Mitarbeiter an der Kasse sagte: „Nein, es ist Schneesturm, der Laden ist komplett leer.“ Und kurz darauf kam Prince.“

Zuletzt hatte der Musiker sogar Alben exklusiv über „Electric Fetus“ vertrieben. „Ich kann nicht anders als darüber nachzudenken, wo Prince und ich wären, wenn er noch am Leben wäre“, sagt Meyerring. „Ich habe das Gefühl, wir standen gerade am Anfang einer großartigen Freundschaft und Business-Partnerschaft.“

Die Prince-Ecke in dem Plattenladen ist inzwischen zu einer Art Schrein geworden. Einmal legte ein Fan sogar eine lilafarbene Blume neben die Alben, deren Hits wie „Kiss“, „Purple Rain“ oder „1999“ längst weltweit Klassiker sind. „Wir haben einen völlig neuen Markt an Kunden bekommen. Normalerweise würde man in seinen Ferien nicht in einen Plattenladen in Minneapolis fahren, aber die Menschen sind hierher gekommen und haben sich gegenseitig ihre Prince-Geschichten erzählt. Wir haben zugehört und mit ihnen getrauert.“ Auf Kundenbitten hin hat Meyerring nun zahlreiche Prince-Souvenirs im Angebot und alle anderen Souvenirs auch in Lila, der erklärten Lieblingsfarbe des Musikers. Von den fünf CDs, die sich am besten verkaufen, stammen vier von Prince.

An der Kasse lud Prince Meyerring damals noch zu einer Party nach Paisley Park ein. Solche Partys schmiss der Musiker häufiger, kündigte sie kurzfristig zum Beispiel über Twitter an, öffnete dann die Türen zu den beiden Bühnen seines Anwesens und ließ einen DJ spielen. Gegen eine geringe Eintrittsgebühr konnte jeder dabei sein - und alles konnte passieren. Manchmal trat Prince auf und spielte bis zum Morgengrauen, dann ließ er für alle Pfannkuchen backen. Manchmal zeigte er sich gar nicht.

Es gab strenge Regeln, wer sie brach, wurde rausgeschmissen: Keine Fotos, keine Handys, keine Drogen, kein Alkohol, kein Rauchen, keine Schimpfwörter. Nach Jahren des Party-Exzesses war Prince zum strengen Veganer geworden und lehnte all das ab. An dem Abend damals im April 2016 sei Prince kurz aufgetaucht und habe eine neue Gitarre und ein neues Klavier vorgestellt, erinnert sich Meyerring. Aber nachdem er ein paar Takte von „Chopsticks“ geklimpert habe, sei er wieder verschwunden. Es sollte das letzte Mal sein, dass Prince sich in Paisley Park der Öffentlichkeit zeigte.

Fünf Monate später wurde das Anwesen zum Museum, betrieben von der selben Firma, die auch Elvis’ Graceland in Memphis verwaltet. Für rund 40 Dollar (etwa 38 Euro) können Besucher seitdem eine geführte Tour durch Paisley Park buchen. Hinter den Mauern verbirgt sich eine nicht enden wollende Bad-Taste-Party zwischen Fotos und Erinnerungsstücken, mit viel Schwarzlicht, Kerzen, Plüschteppichen und lilafarbenen Polstermöbeln, sowie modernsten Musik- und Videostudios. Die Wohnräume von Prince sind nicht Teil der Tour, aber hin und wieder schimmert doch ein Funken Privates dieses so extrem verschwiegenen und mysteriösen Musikers durch: Ein gerahmtes Foto seines Vaters, eine Tischtennisplatte im Aufnahmestudio, eine parfümierte Kerze auf dem Videoschnitttisch, Marke „Meeresbrise“.

„Er war ein sehr ruhiger Typ, wir haben nie miteinander gesprochen. Wir haben über unsere Gehirne kommuniziert“, sagt Julius, der jahrelang für die Sicherheit von Prince zuständig war und heute das Museum bewacht. „Aber er hat hier alles kontrolliert. Wenn er eine Party gab, hat er uns das Signal gegeben, nach dem die Besucher aus ihren Autos steigen durften.“ Niemand habe Prince wirklich gekannt. „Er war für alle ein Mysterium.“

Prince habe die meiste Zeit hart gearbeitet, aber dann habe er auch gerne Spaß gehabt. „Nach seinen Shows kam er manchmal nachts raus und ist mit dem Fahrrad die Straße hinuntergefahren. Das erste Mal, als er das gemacht hat, bin ich fast ausgeflippt. Soll ich ihm nachrennen? Ich bin doch für seine Sicherheit zuständig. Aber die anderen haben mich davon abgehalten. Er hatte seine schicken Klamotten an, was anderes hatte er nie an, und fuhr die Straße rauf und runter.“

Immer wieder kamen auch Stars wie Madonna nach Paisley Park, um mit Prince zu feiern, und immer wieder lud er auch Lokalgrößen ein, wie das Frauenbasketballteam nach einem Titelgewinn. Lokalen Wohltätigkeitsorganisationen spendete Prince große Summen.

1958 wurde Prince als Prince Roger Nelsons in Minneapolis geboren, wuchs in einem kleinen weißen Holzhaus in einer armen Gegend der Stadt auf, in der es damals noch eine gesellschaftliche Trennung von Schwarzen und Weißen gab. Minneapolis blieb seine Heimat, auch wenn die Welt ihn feierte.

„Ich glaube, er ist geblieben, weil die Menschen hier im Großen und Ganzen sehr nett sind, und weil sie ihn in Ruhe gelassen haben“, sagt Plattenladen-Betreiber Meyerring. „Sie haben ihn als Nachbarn respektiert, er konnte einkaufen gehen und musste sich keine Gedanken über Paparazzi machen. In einem Interview hat er mal gesagt: „Die Kälte siebt die schlechten Menschen aus.“ Über die Streitereien zwischen Prince, der mehrfach verheiratet war, aber keine Kinder hatte, und seiner Familie gibt es in Klatschmedien viele Gerüchte, genau wie über die Streitereien um sein Erbe. Aber das sei alles nur Gerede, sagt Bodyguard Julius. „Seine Familie war früher ständig hier, und sie sind jetzt ständig hier. Es kannte sie nur keiner, und Prince wollte sie nicht ins Scheinwerferlicht bringen.“

Zum Todestag haben sowohl Paisley Park als auch der Plattenladen „Electric Fetus“ und der Club „First Avenue“ im Zentrum von Minneapolis, in dem Prince oft auftrat, zahlreiche Veranstaltungen geplant. Der Geschichtsverein von Minnesota will mehrere Kostüme des Sängers ausstellen, und der Betreiber des Unternehmens Waconiaville Tours, Randy Luedtke, berichtet von ausverkauften Prince-Touren.

Weltweit wird Prince seit seinem überraschenden Tod vermisst, aber wohl nirgends so sehr wie in seiner Heimat Minneapolis. „Niemand wird seinen Platz hier je einnehmen können“, sagt Plattenladen-Betreiber Meyerring. „Er ist eine lokale Legende. Dies wird immer seine Heimat sein, das wird uns immer bleiben.“ Besonders ein Song werde Prince für immer mit seiner Heimat verbinden: „Sometimes it Snows in April“ (Manchmal schneit es im April), im nördlichen Bundesstaat Minnesota keine Seltenheit. „Als er damals im April gestorben ist, da war es dieser Song, der besonders auf die Tränendrüse gedrückt hat.“

„Manchmal schneit es im April“, singt Prince in der 1986 veröffentlichten Ballade. „Manchmal fühle ich mich so schlecht. Manchmal wünsche ich mir, dass das Leben nie aufhört. Aber sie sagen, dass alle guten Dinge endlich sind.“

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