NORDEN - NORDEN - Am Anfang steht, wie es sich in Deutschland gehört, ein schriftlicher Antrag.
Den stellte Michael Schardt, Inhaber des kleinen, gleichnamigen Oldenburger Verlages, zu dem auch der Igel-Verlag gehört. Schardt suchte Geldgeber. Das Buch „Dohlenjude“ – damals war es ein Manuskript – sollte gefördert werden. Es erzählt als Roman die Geschichte eines vor den Nazis versteckten Juden in der ostfriesischen Stadt Norden. Verfasst hat die Prosa der gebürtige Norder Meino Naumann, ein Germanist und pensionierter Lehrer, der in Oldenburg lebt.
Nach Schardts Antrag bei der „Bürgerstiftung Norden“ ging es hin und her. Erst sagte die Stiftung mit großem Bedauern ab, dann konnte sie plötzlich – aufgrund einer privaten Zuwendung eines anonymen Spenders – doch jubelnd zusagen: Am 20. Februar 2005 schrieb Jörg Hagena, Leiter der „Bürgerstiftung Norden“, an Schardt, dass man den „Roman von Herrn Dr. Meino Naumann mit einer Summe von 6000 Euro“ unterstützen wolle.
Am Ende des Briefes heißt es: „Grundsätzlich sehen wir uns für eine Dauer von 6 Monaten an unsere Zusage gebunden“. Gesagt, gedruckt: Der Verleger legte los. Doch zum Schluss, so Schardt, tauchten Probleme auf.
Plötzlich hatte die Stiftung Teile des noch ungedruckten Buches gelesen. Und da war der Schrecken offenbar so groß, dass man zurückzog, was man zuvor versprochen hatte: „Wir sind Ihnen gegenüber zu keiner Zahlung verpflichtet“, fasste Hagena am 5. April 2005 unerfreuliche E-Mails und andere Korrespondenz zusammen.
Nun ist das Buch trotzdem erschienen – als teure Variante, als fein gebundenes Exemplar. Und Schardt will sich den Zuschuss einklagen. Er vermutet, dass die Norder „kalte Füße“ bekommen haben. Warum? „Weil es um die Aufarbeitung des Nationalsozialismus in der Stadt geht. Auch erotische Passagen könnten eine Rolle spielen.“
Hagena von der „Bürgerstiftung“ sieht dem Rechtsweg gelassen entgegen. Er registriert wegen der frühen Zusage „unprofessionelles Verhalten“ auf beiden Seiten. Aber er beharrt darauf, das Recht zu besitzen, zu prüfen, was man unterstütze. Dies habe man Schardt auch mitgeteilt. Es komme auf das „Wie“ an. Und da habe der Text große Schwächen.
„Mangelnde Qualität“ könnte sich auf pornografische Details beziehen. Die finden sich durchaus. Da ist etwa ein Mann der Gestapo. Der gute Guntram hat auf Seite 255 die Hosen auf den Schuhen, so dass man gut sehen kann, dass sein „Ding enorm und rot“ ist. Die schöne Tiebe hält ihm dafür „ihren prallen Hintern entgegen“, was der Gestapo-Mann sofort als „unarische Art des Vögelns“ genießt.
Nun erwartet man derlei Perlen deutscher Prosa nicht gerade in einem „Heimatroman“. Doch Schardt hatte ihn sich ernsthaft als „Glanzlicht“ zur 750-Jahr-Feier der Stadt Norden vorgestellt. Im Kern wird freilich im Buch auch eine Geschichte erzählt. Die handelt von einem Juden, der sich auf dem Dachboden versteckt, um die Nazizeit zu überleben. Seine Geliebte lügt ihm selbst nach 1945 vor, dass Deutschland den Krieg gewonnen hätte, so dass er versteckt bleiben muss.
Autor Naumann meint bis heute, dass sein Buch gut zu Norden passt. Eine Lesung in Norden war geplant und wurde abgesagt. Dabei habe er doch einiges „entschärft“! Aber nichts Genaues weiß auch er nicht. Nur eines scheint ihm gewiss: „Die in Norden wollen mich nicht!“
Meino Naumann: „Dohlenjude“. Roman. Schardt Verlag, Oldenburg, 399 Seiten, 19,80 Euro.
