NORDENHAM - Böen bis Windstärke acht machten der wattentauglichen „Wega II“ zu schaffen. Doch am Ende ging alles gut.
von henning bielefeld
NORDENHAM - Nach gut einer Stunde brandet zum ersten Mal Applaus auf. „Bravo“-Rufe gellen gegen die steife Brise an. Dabei ist noch kein Schauspieler zu sehen gewesen bei dieser Premiere der Theatergruppe „Das letzte Kleinod“ auf der Weserinsel Langlütjen II. Der Applaus gilt Kapitän Elmar Hüttenmeister.Er hat die „Wega II“, die er im Februar an Kapitän Dieter Nießen verkauft hat, sicher an den Anleger gebracht. Keine leichte Aufgabe bei Windstärke acht. Unter den 120 Passagieren macht sich eine Stimmung breit wie nach einer geglückten Flugzeuglandung.
„Ich hätte nicht gedacht, dass die Premiere heute überhaupt stattfinden würde“, gibt Jens Siemssen, der Leiter der Theatergruppe, unumwunden zu. In der Tat gebärdet sich das Wetter am Freitagnachmittag genau so furchtbar wie vorhergesagt. Es schüttet wie aus Kübeln, dazu kommt an Ufer Wind der Stärke sechs bis sieben, weiter draußen acht bis neun.
„Das Wetter ist nicht gerade berauschend“, untertreibt Kapitän Dieter Nießen bei der Begrüßung per Lautsprecher. „Wir werden versuchen, auf Langlütjen II festzumachen, aber ich kann Ihnen nicht versprechen, dass das klappt.“ Die meisten der 120 Gäste – überwiegend kommen sie aus Bremerhaven und Bremen – kauern sich im Salon. Eine junge Frau weigert sich, den vom Personal angeboten Sitzplatz anzunehmen. Im Sitzen, fürchtet sie, wird ihr leichter schlecht.
An Deck verbreitet sich Seebären-Stimmung, ein Passagier hat sich sogar eine Zigarre angesteckt. Bald spricht sich herum, dass über Langlütjen II die Sonne scheint. Die „Wega II“ stampft am Container-Terminal vorbei, dann verlässt sie die Fahrrinne und biegt ab in das Batterieloch. In Kapitän Nießens Seekarte ähnelt dieser Priel tatsächlich einem lang gestreckten Loch; er endet weit vor der Insel. In Wahrheit führt er sogar an Langlütjen II vorbei. Durch das ewige Hin und Her von Ebbe und Flut hat er sich ausgedehnt – und niemand hätte es bemerkt, wenn nicht „Das letzte Kleinod“ seine Aktion auf Langlütjen II geplant und das Wasser- und Schifffahrtsamt (WSA) Bremerhaven deshalb ein Peilschiff in die Gegend entsandt hätte.
Die „Wega II“ mit ihrem flachen Boden und ihrem Tiefgang von nur 1,10 Meter tut sich schwer in der steifen Brise. „Vor dem Wind geht sie ab wie eine Verrückte“, sagt Elmar Hüttenmeister. Im Batterieloch misst er bei Hochwasser noch zwei Meter unter dem Kiel, am Ponton „Butenland“ der Fedderwardersieler Baufirma Haye, der an der Nordwest-Ecke der Insel als Anleger eingesetzt wird, noch anderthalb Meter.
„Seit Jahrzehnten hat hier kein Schiff mehr festgemacht“, fühlt sich Elmar Hüttenmeister als Pionier. „Der alte Anleger war auf der anderen Seite der Insel, aber davon sind noch Restdalben unter Wasser übrig geblieben. Deshalb kann man da nicht anlegen.“
Richtig aufregend wird das Ablegemanöver. Der Wind drückt mit voller Kraft gegen die „Wega II“. Doch mit Unterstützung von Jens Siemssen und seinen Leuten gelingt auch dies. Erneut brandet Beifall auf. Und dann noch einmal: Endlich auch für die Darsteller, die sich auf den Zinnen des Forts aufgebaut haben, ihren Zuschauern nachwinken, sich verbeugen, abgehen und zurückkommen für einen zweiten Vorhang. Über der Insel steht ein großer Regenbogen.
Weitere Berichte über die Aufführung folgen in den nächsten Ausgaben.
noch 14 weitere aufführungen
Die Theatergruppe
„Das letzte Kleinod“ bietet noch 14 weitere Aufführungen ihrer dokumentarischen Landschaftsinszenierung „Langlütjen II“ an. Vier sind ausverkauft. Zweimal fahren die Gäste mit einer Weserfähre vom Union-Pier in Nordenham. Gezeigt werden sechs Szenen aus der Geschichte der Insel. Karten können unter Telefon 04749/10 25 64 reserviert werden.
