NORDENHAM - Das Fresko hat hohe Bedeutung. Die Dokumentation erklärt warum.
von henning Bielefeld
NORDENHAM - Für Hans-Rudolf Mengers ist es immer noch „ein kleines Wunder“, dass das Fresko „Der Bruderkuss“ jetzt wie neu im Museum glänzt. Es war ein organisatorisches und finanzielles Meisterstück des Rüstringer Heimatbundes, diese verfallene Putzmalerei vom Bauernhof Lübben in Schmalenfletherwurp ins Museum zu überführen und dort zu restaurieren. Davon erzählt auch die Jahresgabe des Heimatbundes, dessen Vorsitzender Mengers ist.Sie heißt „Der Bruderkuss – Zur Geschichte eines Freskos aus der Wesermarsch“. Auf 96 Seiten wird nicht nur die aufwendige Überführung und Nachbearbeitung des 1893 entstandenen Freskos geschildert – für den eiligen Leser auf drei Seiten in einer Art Fotoroman, für Detailversessene in einer achtseitigen Betrachtung des Restaurators Klaus Thönes –, sondern es werden Verbindungen deutlich gemacht. So erfahren die Leser, dass die blutrünstige Darstellung eines der bedeutendsten Kunstwerke des ausgehenden 19. Jahrhunderts im Großherzogtum Oldenburg ist.
Erste größere Textstrecke ist der Vortrag von Hans-Rudolf Mengers bei der öffentlichen Präsentation des restaurierten Freskos am 14. Januar 2005 im Museum. Darin schildert er, wie die Rettung des Kunstwerks trotz leerer öffentlicher Kassen möglich gemacht wurde.
Über das Konzept des Malers Hugo Zieger (1864 bis 1932) informiert der Museumsleiter Dr. Timothy Saunders.
Heddo Peters vom Archiv des Rüstringer Heimatbundes schildert die historischen Hintergründe des Überfalls auf die Friedeburg im Jahre 1418, die zur Hinrichtung der beiden Häuptlingssöhne Dide und Gerold ein Jahr später in Bremen führten. Gegen Ende des Buches schildert Peters, welche schriftlichen Quellen es zum Bruderkuss gibt. So erfährt der Leser, dass die Bremer Chronik von 1420 zwar die Hinrichtung der beiden Friesen als Kurznotiz erwähnt, über einen Bruderkuss aber schweigt. Erst um 1600 taucht dieses Motiv in einer anderen Bremer Chronik auf – und ist seitdem nicht mehr totzukriegen. Es entwickelt sozusagen eine eigenständige Existenz.
Der Marschendichter Hermann Allmers verwendet es in den 1850er Jahren in einer Ballade, Wilhelm Focke verfasst Anfang der 1890er Jahre eine Erzählung für sein Buch „Bilder aus der Oldenburgischen Geschichte für Schule und Haus“, Erich Lampe schreibt in den 1920er Jahren einen schwülstigen Heldensang, Hermann Lübbing eines Text für sein 1928 erschienenes Buch „Friesische Sagen von Texel bis Sylt“. Und das sind nur vier Beispiele.
Eine Perle in der Dokumentation ist die erste wissenschaftliche Analyse der umstrittenen Übermalung des Freskos durch Bernhard Winter in den 1940er Jahren. Die ehemalige Museums-Praktikantin Beate Schroeter hat sich darum ein bleibendes Verdienst erworben.
1500 exemplare
