NORDENHAM - „Erinnerungen sind meist schöner als die erlebte Wirklichkeit“, sagte Roselie Görlich, „und das ganz besonders, je älter man wird.“ Nach vielen Jahren war die Autorin nach Nordenham zurückgekehrt, um bei einer Lesung ihr autobiografisches Buch „Ich denke oft an Piotrowka“ vorzustellen. In der Geschichte spielen auch Butjadingen und die Unterweserstadt, in der Roselie Görlich zehn Jahre gelebt hatte, eine wichtige Rolle.
Zu der Lesung kamen am Freitagabend rund 20 Interessierte in die Buchhandlung Kiekinnewelt. Die Zuhörer waren gespannt darauf, wie die Autorin wohl ihre Kindheits- und Jugenderlebnisse aus der Nordenhamer Zeit schildert.
Viel Herzblut
Roselie Görlich betonte, dass sie ihrer Erinnerungen mit viel Herzblut niedergeschrieben habe. Es dränge sie, das Erlebte an andere Menschen weiterzugeben. Dem Publikum las sie zunächst zahlreiche, oftmals humorvolle Passagen aus ihrem Buch „Ich denke oft an Piotrowka“ vor.
Petersgrätz, dem heutigen Piotrowka, wo Roselie Görlich 1940 geboren wurde, fühlt sich die Autorin noch immer sehr verbunden. In ihrer Autobiografie schwärmt sie von der Familie mit Eltern, Großeltern und Urgroßeltern ebenso wie von der landschaftlichen Umgebung des Ortes mit viel Wald und noch mehr Blaubeeren. Lieblingsessen war denn auch der Pfannkuchen mit Blaubeeren.
Ihr Vater war 1944 als Soldat in Russland gefallen Die kriegsbedingte Vertreibung der Familie aus Oberschlesien im Jahr 1945 ließen die Autorin und ihre Mutter nach Zwischenstationen im Vogtland und in Aken bei Magdeburg letztlich in Nordenham ankommen.
Aus der sowjetischen Besatzungszone hatten Mutter und Tochter mit der Eisenbahn und mit der Hilfe von Tante Bertha 1947 die britische Zone und damit den Bahnhof von Nordenham erreicht. Von dort ging es mit der Butjadinger Bahn weiter nach Abbehausen. Tante Bertha, die es aus dem oberschlesischen Laurahütte nach Butjadingen verschlagen hatte, kümmerte sich rührend um die beiden.
Mutter Margarethe fand Arbeit in der Landwirtschaft auf dem Tantzen-Hof in Heering, und Roselie kam 1947 in die Schule Abbehausen. 1951 wechselte sie an das Gymnasium Nordenham. Zur Grafikerin ließ sie sich anschließend an der Kunstschule Bremen ausbilden.
Elternhaus steht noch
Als die erkrankte Mutter 1990 den Wusch äußerte, noch einmal ihre alte Heimat zu sehen, fuhr Roselie Görlich mit ihr nach Oberschlesien. In Piotrowka fanden die beiden zwar verfallene Häuser vor, aber die Ortsschilder mit den ehemaligen deutschen Bezeichnungen erfreuten sie ebenso wie das noch erhaltene und auch bewohnte Elternhaus. Hier hatte Roselie Görlich fünf Jahre ihrer Kindheit verbracht.
Zu den Gästen der Lesung, zu der die Buchhändlerin Tanja Ehmen eingeladen hatte, gehörten auch einige Spiel- und Schulfreundinnen aus Roselie Görlichs alten Zeiten in Nordenham und Butjadingen.
