NORDENHAM - Abrupt, ohne Umschweife steigt Dr. Helene Grabowsky ein ins literarisch-theatralische Projekt, den Menschen Heinrich von Kleist näher zu kommen. Mit einer gelben Feder in der Hand rezitiert sie Heinrich von Kleist (1777-1811). Dann wieder ist sie Zeitzeuge oder Verlobte in ihrem Vortrag.

Die Stuhlreihen in der Jahnhalle sind am Donnerstag dicht besetzt. Auch viele Gymnasiasten sind gekommen, denn Kleist ist Abi-Thema. Ohne jegliche Vorkenntnisse, das Wirken des Dramatikers, Lyrikers und Publizisten zeitlich und politisch einzuordnen, fiele es auch schwer, den Ausführungen der Germanistin zu folgen, die auf Einladung der Goethe-Gesellschaft Nordenham auf der Bühne steht.

Die Annäherung an Leben und Werk in vier Abschnitten unter dem Motto „Ich trete von einem zurück, der noch nicht da ist“ konfrontiert die Besucher anfangs mit den seltsamsten Liebesbriefen der Welt, in denen Heinrich von Kleist eine nach seinen Vorstellungen geformte unbedingte Hingabe verlangt und auch die Liebe zwischen zwei Staatsbürgern nicht ausschließt.

Nach dem ersten Bild „Liebe und Freundschaft“ wendet sich Helene Grabowsky dem „Krieg der Herzen“ zu. Dabei stellt sie unmissverständlich den Nationalisten in ihm heraus. „Er zählte zu den Radikalsten unter den preußischen Patrioten“, sagt sie. Nach der Niederlage bei Jena und Auerstedt (1806) gegen die französischen Truppen unter Napoleon Bonaparte fordert er den Umsturz der alten Ordnung. In seiner „Hermannsschlacht“, die er 1808 vollendet, widmet er sich als ehemaliger Soldat auch der detaillierten Beschreibung eines Schlachtengetümmels. Seine kritische Haltung gegenüber den vorherrschenden Ansichten seiner Epoche trägt ihm das Image eines Außenseiters ein. Sein radikales Streben nach Freiheit ist beispiellos. Und doch trifft ihn die Ignoranz schwer. „Mein Verdienst nicht anerkannt zu sehen, ist überaus schmerzhaft“, zitiert Helene Grabowsky und sagt, dass Goethe das Talent seines jungen Kollegen nicht erkannt habe.

Es folgt das Bild „Berufe und Berufung“. Sie berichtet von der Gründung der Berliner Abendblätter zusammen mit dem Verleger Julius Eduard Hitzig. In „Philosophie und Dichtung“ schließlich folgt das Ende. Er sei ungeheuer planvoll ans Werk gegangen, erzählt Helene Grabowsky. Und von der Unzulänglichkeit der Sprache ist die Rede. „Sprache kann die Seele nicht malen“, habe Heinrich von Kleist gesagt.

Der Wunsch, frei zu leben, durchzieht das Wirken des Dichters. Und so nimmt er für sich in Anspruch, seinen und den Tod der an Krebs erkrankten Henriette Vogel selbst zu bestimmen. Zunächst richtet er die Pistole am Ufer des Kleinen Wannsees auf seine Angebetete, danach erschießt er sich selbst.

Was bleibt ist die Erkenntnis, dass Heinrich von Kleist einen Schleier über sich und sein Leben gelegt hat. Die Germanistin lüftet das Geheimnis ein wenig.

Ulrich Schlüter
Ulrich Schlüter Redaktion Brake