NORDENHAM - Es krachte, donnerte und blitzte auf der Puppenbühne. Diese technischen Effekte und auch die Szenenwechsel waren professionell eingespielt. Dass die Darsteller aus Pappmache bestanden und die rund 20 Figuren allein von Ulrike und Benjamin Harlan mit Leben erfüllt wurden, war gleichfalls verblüffend.

Die rund 50 Zuschauer erlebten die Geschichte über den Gelehrten Doktor Faust in einer für sie ungewohnten Inszenierung. Wer eine Adaption des Stoffes von Johann Wolfgang von Goethe erwartet hatte, sah sich am Donnerstagabend in der Aula des Gymnasiums enttäuscht. Auf Einladung der Goethe-Gesellschaft Nordenham brachten die beiden Spielleute des Mobilen Puppentheaters Spunk aus Ottersberg, Ulrike und Benjamin Harlan, vielmehr eine Urfassung des faustischen Stückes zum Besten, die auch den deutschen Dichterfürsten einst zu seinem Faust angeregt hatte.

Wie bei Goethe, schloss der enttäuschte Gelehrte Doktor Johannes Faust mit dem Teufel einen Pakt. In dieser Zeit sollte ihm der Satan jeden Tag dienen. Als Gegenleistung verschrieb Faust ihm seine Seele. So wurde der Gelehrte ein bedeutender Magier. Doch nach zwölf Jahren war die Zeit abgelaufen und der Teufel kam mit Blitz und Donner, um den Gelehrten von der Bühne zu fegen.

Anders als bei Goethe, kam im Puppenspiel die Figur des Hanswurst zum Tragen. Der einfach gestrickte, aber höchst einfallsreiche Geselle bot dem Publikum vulgäre Komik und dumm-dreiste Sprachscherze. Das war jedoch nicht nach jedermanns Geschmack, so dass einige Besucher während der Pause die Aula verließen.

Für Theater-Interessierte war es ein toller Abend. Die Inszenierung gelang trefflich. Figuren wie der Fitzliputzli, Mephistopheles, Fausts Diener Famulus Wagner und die schöne Helena traten in der gut zweistündigen Inszenierung auf und waren ein Beleg für die Kunst der Puppenspieler, mit wenigen Gesten die Illusion einer großen Inszenierung zu bewirken. Die Zuschauer waren vor allem von den charaktervollen und herrlich überzeichneten Gesichtszügen der Pappmache-Kameraden beeindruckt.

Das Stück basierte auf der deutschen Urfassung „Historia von D. Johann Fausten“, dem so genannten Volksbuch von 1587. Dabei handelte es sich um ein Erzählwerk, das mit langen theologischen Streitgesprächen und einem noch breiteren Schwankteil ausgestattet war. Bei dem Briten Christopher Marlowe, einem Zeitgenossen William Shakespeares, wurde Faust Ende des 16. Jahrhunderts in seinem Drama „Vom Leben und Tod des Doctor Faustus“ zu einem seriösen Gelehrten, dem es um die Sprengung der Wissensgrenzen ging. Doktor Faustus verkörperte den fortschrittlichen Renaissancemenschen.

Das Experiment der Nordenhamer Goethe-Gesellschaft schlug einen Spannungsbogen vom anspruchsvollen Goethe-Faust hin zur trivialen Darstellung. Spunk verdeutlichte die theatergeschichtliche Entwicklung der ursprünglichen Historia, die es schnell zu hohen Auflagenzahlen und fünf Übersetzungen brachte.

Die Urform des Faust, das belegte die Aufführung, war früher schlicht und volkstümlich auf Jahrmärkten dargeboten worden. Dabei hoben die Spielleute die Figur des Hanswurst deutlich hervor. Die platte Sprache des lustigen Kauzes reizte immer wieder zum Lachen.

Hanswurst war wie einer aus dem Volk und das genaue Gegenteil zum aller Normalität entrückten Wissenschaftler. Er sprach wie die einfachen Leute und hatte deren Bedürfnisse. Das ernste Denk-Spiel, wie es Christopher Marlowe auf die Bühne gebracht hatte, war zu einem scharf gepfefferten Publikumsrenner geworden.