Nordenham - Sie ist eine Nordenhamer Legende, ein Urbild von Mitmenschlichkeit und selbstloser Hilfsbereitschaft: Alwine Tapferwein. Hunderten Menschen gab sie das, was sie anderswo vergeblich suchten: ein Zuhause. Jetzt will ein ehemaliger Nordenhamer ein Buch über diese ungewöhnliche Frau schreiben.
Ein Dach über den Kopf
38 Jahre lang, von 1947 bis 1985, war Alwine Tapferwein die Wirtin der „Herberge zur Heimat“. Das war die Gaststätte Lindenhof an der Herbertstraße 3. Bei ihr bekamen Obdachlose ein Dach über dem Kopf – und Hilfe in vielen behördlichen Angelegenheiten.
Der ehemalige Nordenhamer Gundolf Wienbarg will jetzt ein Buch über Alwine Tapferwein schreiben. Er hat über sie recherchiert und im August 2011 beim Klönabend des Rüstringer Heimatbundes einen Vortrag über sie gehalten. Bislang reicht sein Material aber nicht für ein Buch. Deshalb hofft der 48-Jährige, der jetzt in Remscheid lebt, auf weiteres Material – von ihren Gästen und von Bürgern, die sie gut kannten. „Ich suche nach Erlebnissen, Anekdoten, Erzählungen und auch Bildmaterial über Alwine Tapferwein“, sagt Gundolf Wienbarg.
Geboren wurde Alwine Tapferwein am 30. September 1902 als Tochter des Landwirts Lübben in Husumerdeich in der damaligen Gemeinde Blexen. Die Familie verzog nach Nordenham, wo Alwine im Juli 1921 den 23-jährigen Gastwirtssohn Georg Tapferwein heiratete. Dessen Familie hatte 1899 das Gasthaus Lindenhof an der Herbertstraße 3 gekauft.
1947 übernahmen Alwine und Georg Tapferwein den Lindenhof, am 1. Februar 1948 richteten sie dort – zusätzlich zum weiter bestehenden Gast- und Saalbetrieb – ein Obdachlosenheim ein. Dafür räumten sie ihre Wohnung und zogen ins Obergeschoss.
Überfüllte Stadt
Nordenham war damals vollkommen überfüllt mit Ausgebombten, Vertriebenen und Flüchtlingen. Dazu kamen Hamsterer – Leute, die zu Landwirten fuhren, um Wertgegenstände gegen Lebensmittel einzutauschen. Das Hamstern hörte schon mit der Währungsreform im Juni 1948 auf, ab Mitte der 50er Jahre waren auch fast alle Vertriebenen untergebracht. Jetzt kamen Handwerksburschen auf der Walz und Tippelbrüder. Die Tippelbrüder erhielten einen Übernachtungsschein von der Polizei.
Für die Männer gab es einen großen Schlafraum, für die wenigen Frauen einen kleinen. Insgesamt standen 14 Betten zur Verfügung. Die Gäste wuschen sich in einem Waschraum mit kaltem Wasser. Sonnabends war Badetag, dann kochte Mutter Tapferwein in der Waschküche Wasser im großen Bottich und stellte einen Trog bereit. Regelmäßig wusch sie die grobe blaukarierte Bettwäsche mit der Hand, erst nach Jahren bekam sie eine halbautomatische Waschmaschine.
Durchgehend geöffnet
Offiziell durften die Durchreisenden nur von 18 bis 9 Uhr im Lindenhof bleiben, aber in einem strengen Winter brachte es Alwine Tapferwein nicht übers Herz, sie vor die Tür zu setzen. Seitdem war die Herberge zur Heimat durchgehend geöffnet.
Doch nicht nur deshalb war Alwine Tapferwein bei ihren Gästen beliebt. Sie arbeitete rund um die Uhr, war nur in ihrer Kittelschürze zu sehen, nahm jeden Gast so wie er war, half wo sie konnte, nahm sich selbst zurück – und fand auch noch Zeit für ihre große Familie, zu der vier Töchter und zwei Söhne gehörten.
Überhaupt waren die Tapferweins und ihre Gäste wie eine große Familie – und Alwine war die Mutter. Ob die Gäste private Sorgen, Alkohol- oder später auch Drogenprobleme oder psychische Krankheiten plagten – Alwine Tapferwein wies keinen ab. Auch bei Rentenanträgen half sie. Und Ärger hatte sie mit den manchmal harten Jungs so gut wie nie.
Nordenham entnazifiziert
Im Januar 1957 starb Georg Tapferwein; das ehemalige Mitglied der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) hatte bei der Entnazifizierung in Nordenham und in den beiden damaligen Gemeinden Abbehausen und Burhave eine wichtige Rolle gespielt. Seine Tochter Änne und sein Schwiegersohn Gerhard Körner traten in der Gaststätte an seine Stelle. Jetzt lebten viele Dauergäste im Lindenhof. Sie hatten sich in den kleinen, ungeheizten Fremdenzimmern einquartiert, einige für Jahrzehnte.
Einer von ihnen war Harry Passarge, ein gebürtiger Nordenhamer, der sein Dach über den Kopf verloren hatte und 27 Jahre im Lindenhof blieb. Ein anderer war Josef Klein, der bei NSW arbeitete und sich selbst nichts gönnte. Nach seinem plötzlichen Tod hinterließ er seinen Verwandten 150 000 DM (gut 76 000 Euro) in Sparbüchern und Aktien. Ähnliches erlebte Alwine Tapferwein bei einem anderen Dauergast.
Silvester 1985 schloss Alwine Tapferwein den Lindenhof und verkaufte ihn, blieb aber dort wohnen, bis sie am Neujahrstag 1989 nach langer, schwerer Krankheit starb. Bis zuletzt bekam sie immer wieder Briefe von dankbaren Gästen aus ganz Deutschland und darüber hinaus.
