NORDENHAM - Mit schwarzem Anzug und verwuschelten Haaren betritt Sven Ratzke die Jahnhallen-Bühne. Von Beginn an präsentiert sich der Künstler aus den Niederlanden als zickige Diva und zeigt sich wenig erfreut, dass lediglich 30 Zuhörer sein Programm „Debut“ sehen wollten. Zu allem Übel leeren sich im Laufe des Abends noch einige Stühle, was den Sänger in depressive Stimmung versetzt.
Poesie und Zärtlichkeiten
Dabei fängt alles vielversprechend an. „Ich möchte heute mit Ihnen Poesie und Zärtlichkeiten austauschen“, verkündet Sven Ratzke. Er sucht gleich den Kontakt zum Publikum und verteilt Küsschen. Die Zuschauer bleiben jedoch zurückhaltend und warten vergebens auf die versprochene Poesie. Dafür plaudert der Paradiesvogel, der unbestritten sein Metier als Sänger beherrscht, ziemlich wirres Zeug.
Nach seinem ersten Song über den großen Sex-Appeal der Deutschen entfernt sich das erste Paar aus der Jahnhalle und lässt einen völlig konsternierten Künstler zurück. Auf der vergeblichen Suche nach Gemeinsamkeiten bemüht sich Sven Ratzke, das Eis zu brechen – was ihm im Verlaufe seines Programm nicht gelingt. Der Applaus bleibt höflich zurückhaltend: „Das ist hier wohl so im hohen Norden“, meint der Sänger.
Bei seinem Song vom „Spooky little Girl“ dreht der Performer so richtig auf, röhrt ins Mikrofon und stellt sein Publikum vor die Frage, ob das nun große Kunst ist oder einfach nur Blödsinn.
Fabulieren und lümmeln
Dass der Chansonnier seine Stimme beherrscht, stellt er bei dem Gloria-Gaynor-Hit „I am what I am“ eindrucksvoll unter Beweis. Mit Charly Zastrau am Piano und Florian Friedrich am Bass hat Sven Ratzke gute Musiker an seiner Seite. Wenn der Künstler seine unverständlichen Zwischentexte weglassen würde, wäre der Abend noch zu retten. Stattdessen fabuliert er von einer Begegnung zwischen Merkel und Sarkozy, lümmelt sich lasziv auf einen Barhocker und versinkt, als noch zwei Besucher die Jahnhalle verlassen, in Selbstmitleid. Ob gespielt oder echt, kann an dieser Stelle nicht beantwortet werden.
In der Ankündigung hieß es, dass Sven Ratzke in den Niederlanden längst ein Star ist, wohl aufgrund seine großartigen Stimme, die mehrere Oktaven umfasst. Mit seiner verruchten Direktheit kann er allerdings beim Nordenhamer Publikum keinen Blumentopf gewinnen. Seine verbale Stöhnorgie multipler Orgasmen stößt zwar auf eine gewisse Amüsiertheit, lässt jedoch Zweifel aufkommen, ob man das ernst nehmen soll oder dieser „Homme Fatal“ sich als ein hinreißender Clown präsentiert mit einem ausgeprägten Hang für knisternde Erotik.
Ist der Deutsch-Niederländer nun ein Gossenprinz, ein Paradiesvogel oder ein genialer Selbstdarsteller, der mit seinen wüsten Geschichten gerne in Selbstironie badet? Die Antwort auf diese Frage mag sich jeder JahnhallenGast, der bis zum Schluss geblieben ist, selbst geben.
