NORDENHAM - Unter hohen Bäumen duckt sich ein alter Bauernhof. In der Einsamkeit der weiten Marsch strahlt er Geborgenheit aus. Der späte Herbst hat die Blätter von den Bäumen geholt und das einst satte Grün des Grases ausgeblichen.
„Ost-Moorsee“ heißt das Aquarell, und es ist das Erste, das Annemarie Rein in der Wesermarsch gemalt hat. Das war im November 1979. Seitdem hat die Hamelnerin zwischen Weser und Jade mehr als 60 Bilder gemalt. Ab Sonnabend, 23. Januar, präsentiert der Kunstverein 36 von ihnen im Alten Rathaus.
Zu verdanken ist das alles Erdmann Nickel. 1979 hatte sich der Nordenhamer beruflich umorientiert und brauchte dafür eine Bleibe in Hameln. Bei Annemarie Rein und ihrem Ehemann fand er ein möbliertes Zimmer mit Familienanschluss. Die Reins aßen mit ihm zu Abend und unterhielten sich danach oft noch lange mit ihrem Gast. Aus einem Mietverhältnis wurde Freundschaft.
Mikroskop und Malstift
Und im November 1979 besuchte Annemarie Rein erstmals Erdmann Nickel und seine Frau Elisabeth, die die Goldschmiede Peichl betreibt. Sofort packte Annemarie Rein ihre Malsachen ein, schwang sich aufs Fahrrad und fuhr los. In Ostmoorsee legte sie ihren ersten Halt ein und malte den Bauernhof – vor der Natur, wie sie es schon seit Jahrzehnten machte.
Annemarie Rein wurde 1920 in Bremen geboren. Ihr Vater war Kunsterzieher, von ihm erbte sie Talent und Neigung zur Malerei. „Mich faszinieren Landschaften, Dörfer, alte Bauernhöfe“, sagt Annemarie Rein. Moderne Malerei hat sie nie interessiert. „Ich bin etwas zurückgeblieben“, sagt die rüstige 89-Jährige selbstironisch.
Schon als Jugendliche begann sie in ihrer freien Zeit zu malen – immer vor der Natur, denn „die Muse küsst nur draußen“, wie Annemarie Rein augenzwinkernd sagt.
Nach ihrer Schulzeit erlernte sie den Beruf der technischen Assistentin, anschließend arbeitete sie als wissenschaftliche Zeichnerin am Zoologischen Institut der Universität Göttingen. Ihr Arbeitsgebiet: Insekten. Sie blickte durchs Mikroskop und zeichnete exakte Portraits der kleinen Tiere. Trotz aller Fortschritte gibt es den Beruf übrigens noch heute.
In Göttingen lernte sie auch einen Jura-Studenten kennen und lieben, heiratete ihn und folgte ihm ins schöne Hameln, wo er Amtsrichter wurde. Ohne berufliche Verpflichtungen fand Annemarie Rein Zeit zum Malen – im Weserbergland, aber auch in den Fehngebieten Ostfrieslands und an der Küste. Zu einem Spezialgebiet wurden ihre Häuserstudien.
Sarve und Enjebuhr
Im Hamelner Verlag Niemeyer sind zwei Bildbände von ihr erschienen und seit 30 Jahren schreibt sie in der Heimatbeilage der Deister- und Weser-Zeitung, die ebenfalls von Niemeyer herausgegeben wird, Artikel.
Ebenso lange lässt sie die Wesermarsch nicht los. Der Weserstrand, Sarve, Enjebuhr, der Bullenweg in Heering – all das hat Annemarie Rein als Malerin interessiert. Besonders faszinierend fand sie das Schwimmende Moor. Seit zwei Jahren fährt sie nicht mehr Fahrrad, sondern lässt sich mit dem Taxi zu malerischen Orten chauffieren. In der Wesermarsch malt sie deshalb nicht mehr. Die 67 Bilder hat sie dem Kunstverein geschenkt. Und der gibt sie jetzt den Bürgern weiter.
Vernissage am Sonnabend ab 17 Uhr
