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Museum Kunstwerk mit mythischer Dimension

NORDENHAM - Die weißen Handschuhe aus Baumwolle müssen sein. Mit bloßen Fingern fasst Hans-Rudolf Mengers die neue Errungenschaft des Nordenham-Museums nicht an. Der Vorsitzende des Rüstringer Heimatbundes kennt den Wert des imposanten Buches und möchte es vor Beschädigungen schützen. Bei dem guten Stück handelt es sich zwar nur um ein Faksimile, aber selbst diese Reproduktion hat immerhin 5500 Euro gekostet. Das Original wäre für den Heimatbund unbezahlbar gewesen. Denn das berühmte Evangeliar Heinrich des Löwen gehört zu den teuersten Büchern der Welt.

Bei einer Versteigerung am 6. Dezember 1983 im Londoner Auktionshaus Sotheby’s fand das mittelalterliche Bilderwerk, das lange Zeit als verschollen galt, für die stolze Summe von 32,5 Millionen D-Mark (16,3 Millionen Euro) einen neuen Besitzer. Damals erwarben die Bundesregierung, die Bundesländer Niedersachsen und Bayern, die Stiftung Preußischer Kulturbesitz sowie private Gönner in einer Gemeinschaftsinitiative das Evangeliar, das als nationales Kulturgut gilt.

Original in Wolfenbüttel

Das bestens erhaltene Original ist seitdem in der Herzog-August-Bibliothek in Wolfenbüttel aufbewahrt. Aus Gründen der Konservierung wird es nur alle zwei Jahre ausgestellt.

Um das 226 Seiten umfassende Evangeliar mit seinen kunstvollen Malereien und Verzierungen trotzdem der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, beauftragten die neuen Eigentümer einen Verlag mit der Anfertigung hochwertiger Repliken. Dank einer speziellen Foto- und Drucktechnik sowie einer aufwendigen Nachbearbeitung inklusive Blattgoldauftrag entstanden die Faksimile, die dem romanischen Kunstwerk aus dem 12. Jahrhundert bis in das kleinste Detail gleichen. 950 Reproduktionen wurden auf diese Weise angefertigt.

Die Nummer 151 aus der 950er Auflage gehört jetzt dem Rüstringer Heimatbund. Der Vorstand hatte sich aus mehreren Gründen entschlossen, eine solche Evangeliar-Kopie anzuschaffen. Ein besonderer Antrieb war dabei, einen Wunsch des langjährigen Archivars Wolfgang Engelhardt zu erfüllen. Der im Februar 2011 verstorbene Nordenhamer hatte immer wieder angedeutet, dass das Evangeliar Heinrichs des Löwen eine große Bereicherung des Heimatbund-Archivs darstellen würde. In Wolfgang Engelhardts aktiver Zeit hatte sich das Museum bereits Faksimile anderer historischer Dokumente zugelegt, unter anderem des Sachsenspiegels.

Der Heimatbund-Vorsitzende Hans-Rudolf Mengers, der Museumsleiter Dr. Timothy Saunders und der jetzige Chef-Archivar Heddo Peters sind fest davon überzeugt, dass der Erwerb des Evangeliars in Wolfgang Engelhardts Sinne gewesen wäre.

Die Familie des Verstorbenen hatte die Gäste der Trauerfeier gebeten, auf Blumen und Kränze zu verzichten und stattdessen dem Rüstringer Heimatbund eine Geldspende zukommen zu lassen. Mit diesem Betrag konnte der Heimatbund nun die Hälfte der Kosten für das Evangeliar finanzieren. „Wir sind der Familie Engelhardt sehr dankbar“, sagt Hans-Rudolf Mengers, „allein mit unseren eigenen Mitteln hätten wir uns das nicht leisten können.“

Der Heimatbund hatte zudem das Glück, dass gerade ein Exemplar zu dem günstigen Preis von 5500 Euro zu bekommen war. „Normalerweise werden um die 9000 Euro verlangt“, erzählt Hans-Rudolf Mengers. Bei dem verlockenden Angebot eines Antiquariats in Bayern zögerten die Nordenhamer Heimatfreunde nicht lange.

„Dieser Mythos lebt“

Hans-Rudolf Mengers betrachtet die Anschaffung des Evangeliars nicht nur für das Museum, sondern auch für die Stadt Nordenham und die Region als eine Bereicherung. „Das ist ein Kunstwerk, das die Herzen und Seelen der Menschen erfreuen kann“, betont er. Ein besonderer Reiz sei der Mythos, der sich um das weltberühmte Buch und natürlich um den Welfen-Herzog Heinrich rankt. Aufgrund der herausragenden geschichtlichen Bedeutung seines Stifters hebe sich dieses Werk von anderen Evangelien ab. „Dieser Mythos lebt“, meint Hans-Rudolf Mengers.

Bei einem Vortragsabend

am Freitag, 23. September, stellt Hans-Rudolf Mengers das Evangeliar Heinrichs des Löwen vor. Beginn ist um 19.30 Uhr im Nordenham-Museum.

Der Mönch Herimann

hatte das Evangeliar Ende des 12. Jahrhunderts in der Benediktinerabtei Helmarshausen im Auftrag des Herzogs angefertigt, der damals über Sachsen und Bayern herrschte. Der Mönch arbeitete wohl zwei Jahre an dem Werk. Die kunstvolle Buchmalerei war eine Stiftung für den 1188 eingeweihten Marienaltar der Braunschweiger Stiftskirche.

Das Buch

umfasst 226 Blätter mit den vier Evangelien sowie vielen reich verzierten und kolorierten Abbildungen.
Norbert Hartfil
Norbert Hartfil Redaktion Nordenham (Leitung)
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