NORDENHAM - Eine Unschuld aus der Stadt: Charity Hope Valentine fällt auf der Suche nach dem kleinen Glück immer wieder auf die Nase, findet ihren Traummann und steht doch am Ende wieder allein und auf sich gestellt da. Aus diesem Stoff formten Komponist Cy Coleman, Autor Neil Simon und Lied-Texterin Dorothy Fields 1964 einen Broadway-Erfolg, der mit Shirley McLane auch zu einem Film-Erfolg wurde.
Schneller Kulissenwechsel
Das Hildesheimer Theater für Niedersachsen, beziehungsweise dessen Musical -Abteilung, inszenierte diesen Klassiker des Genres am Sonnabend in der Friedeburg als bunte Gesellschaftsrevue. Anrüchiger Tanzpalast, Nobelhotel, Volkshochschule, Jahrmarkt, Restaurant, Park mit See und U-Bahn-Station werden mit geschickten Kulissen-Elementen in kürzester als Charitys Erlebniswelt gezaubert.
Von Wiebke Wölzel überzeugend und ungemein sympathisch verkörpert, spricht, singt und tanzt dieses überaus naive und auf eigenartige Weise unschuldige Wesen, das sein karges Einkommen als Taxigirl verdient, über die Bühne. Sie wird von Charly nicht geheiratet, sondern beraubt und ins Wasser geschubst. Ihre Tanzpartner erwarten fast immer mehr als das, wofür sie bezahlt haben. Schon zu oft hat sie sich – aus lauter Liebe – ausnehmen und erniedrigen lassen. Doch sie gibt ihren Traum vom kleinen bürgerlichen Glück mit Mann, Kindern und Häuschen nicht auf. Den teilen die anderen Girls – bunte, auf- und abgetakelte, aber auch desillusionierte Frauen – allesamt. Doch bleiben die Märchenprinzen ihrem Etablissement fern.
Zufällig verbringt Charity einen Abends mit dem Filmstar Vittorio Vidal, doch der hat bereits eine Geliebte, und für mehr als menschliche Güte und Freundschaft reicht es nicht. Später begegnet sie in der Volkshochschule dem Buchhalter Oscar. In einer der besten Szenen des Musicals bleiben die beiden im Fahrstuhl stecken. Durch ihre unbekümmerte und optimistische Art hilft sie dem angst-besessenen, schüchternen Mann, die Situation zu überstehen.
Es bahnt sich eine Liebe an. Sie gehen aus, in die Hippie-Kirche, ins Restaurant, auf den Jahrmarkt – und bleiben wieder stecken: dieses Mal in der Gondel des Riesenrads. Heiratspläne werden geschmiedet, als Oscar, der immer von einer jungfräulichen Gattin träumte, meint, er könne mit ihrer Vergangenheit leben. Im letzten Moment, nach der Abschiedsfeier im Tanzpalast, kneift Oscar, so dass Sweet Charity wieder allein bleibt. Doch auch dieses Mal verzweifelt sie nicht und gibt den Glauben an ein gutes Ende nicht auf.
Diese Handlung, die gelegentlich verstaubt scheint und teilweise in Moralvorstellungen der 1960er Jahre verwurzelt ist, wird mit viel Musik und Tanz und bunten Kostümen lebendig auf die Bühne gebracht. Die Musik kommt nicht etwas aus der Konserve. Stattdessen sorgt eine siebenköpfige Band sorgt für tolle, jazzig-swingende Klänge. Der wohl bekannteste Titel aus dem Musical „Hey, Big Spender!“ ist längst ein Evergreen.
Sehr gute Sänger
Dem Ensemble gehören gute, ja sehr gute Sänger an. Die weniger starken Sänger spielen und tanzen dafür überzeugend. Mitunter wird es ein wenig zu viel – gleich drei Tänze hintereinander im Auftakt der Hotel-Szene –, doch ernten die Tanz-Darbietungen immer wieder viel Applaus. Das gilt ebenso für die Songs, seien es Soli, kleine oder große Chöre.
Mit fast drei Stunden Spielzeit einschließlich Pause ist es ein langer Abend, der aber „gefühlt“ deutlich kürzer ist und die gut 190 Besucher überwiegend zufrieden nach Hause gehen lässt.
