NORDENHAM - Großen Applaus vom Publikum und ein aufrichtiges Lob vom Schulleiter gab es bei der Premiere. Die Schüler hatten einen schwierigen Stoff gewählt.
von jörn zweibrock
NORDENHAM - Professioneller als die Theater-Arbeitsgemeinschaft der Realschule I Nordenham können sich selbst Berufsschauspieler kaum auf den Brettern bewegen, die die Welt bedeuten. Unter der Leitung von Frauke Logemann-Fastie brillierte die schauspielbegeisterte Truppe in der Premierenvorstellung am Mittwoch mit dem Stück „Ein Inspektor kommt“ von John B. Priestley. Die Schüler bewiesen, dass sie mit Leichtigkeit ein anspruchsvolles Stück auf die Bühne bringen können. Obwohl viele der Realschüler momentan im Lernstress für die Abschlussprüfungen sind, schüttelten sie die langen Textpassagen locker aus dem Ärmel.Jenny Krempel war die Idealbesetzung für die weibliche Hauptrolle. Der Part des Inspektors Goole schien ihr wie auf den Leib geschneidert zu sein. Überzeugend verkörperte sie die zweifelhafte Figur.
Mit psychologistischem Geschick ermittelt Jenny Krempel alias Inspektor Goole im Hause der britischen Industriellendynastie Birling und zerstört nach und nach deren Bild in der Öffentlichkeit. Gooles harten Fragen ist es zu verdanken, dass sich auf der blütenweißen Weste jedes Familienmitgliedes im Laufe der Vorstellung ein dunkles Geheimnis abzeichnet. Stein des Anstoßes ist der Selbstmord eines Mädchens namens Eva Smith, das Patriarch Arthur Birling aus der Firma geworfen hat. Die selbstgerechte Art des Familienoberhauptes bringt Artur Martin mit seiner Spielweise auf den Punkt. Mit der Zigarre in der Rechten, den Portwein in der Linken, stellt der Realschüler den Priestley-Charakter überzeugend dar.
Die Eifersüchteleien der Tochter Sheila setzt Celia Werner gekonnt in Szene. Kirsten Hoogendoorn spielt Sheilas heuchlerischen Verlobten Gerald Croft. Auf Drängen des Inspektors gesteht er seine Affäre mit dem Mädchen.
Die Rolle der Hausfrau Sybill Birling füllt Jana Schwingel aus. Als ihr missratener Sohn Eric wirkt Bastian Frömming mit. Er hat einen glänzenden Auftritt als rebellischer Trinker.
Dramaturgischer Wendepunkt in „Ein Inspektor kommt“ ist war die Szene, in der ans Licht kommt, dass es keinen Inspektor Goole gibt. Der Mann, der ein großer Unbekannter bleibt, hatte nur geblufft und die Familienmitglieder nacheinander zur Offenbarung ihrer Laster gezwungen. Priestley klagt mit seinem Bühnenstück – es spielt am Vorabend des Ersten Weltkriegs – die Doppelmoral der bürgerlichen Gesellschaft an.
Blumen und Kinogutscheine für die Darsteller gab es am Ende der Vorstellung in der Aula von Schulleiter Walther Vogel. Das Publikum spendete den Schülern und der AG-Leiterin Frauke Logemann-Fastie lang anhaltenden Applaus für eine gelungene Vorstellung, die allerdings mehr Zuschauer verdient gehabt hätte.
