NORDENHAM - Fast 100 Besucher waren gekommen. Sie erlebten einen unvergesslichen Abend.

von henning bielefeld

NORDENHAM - „Im traurigen Monat November war’s, die Tage wurden trüber“, da reiste Heinrich Heine noch einmal nach Deutschland. Aus „der schlaflosen Nacht des Exils“ im halb noch königlichen, halb schon bürgerlichen Frankreich überschritt er die Grenze in das Land seiner geliebten Mutter und seiner nicht weniger geliebten Muttersprache. Er fuhr in ein zerrissenes Land, dessen Menschen im politischen Winter erstarrt waren.

95 Zuhörer begleiteten den größten Spötter unter den großen Dichtern am Mittwochabend in der Jahnhalle auf dieser epischen Reise. Der Veranstalter „LiteraturPlus Wesermarsch“ war freudig überrascht angesichts dieser großen Resonanz. Lutz Görner, als Schauspieler ein Rezitator von hohen Graden, nahm die Gäste mit in seiner Kutsche von Aachen über Köln, Hagen und Paderborn nach Hamburg, Heines republikanische Heimatstadt.

„Deutschland. Ein Wintermärchen“ ist der Titel des Gedichtzyklus, in dem Heine diese Reise verarbeitet. Dabei nimmt der vor 150 Jahren in Paris verstorbene Dichter die Form der Ballade auf, die höchst ernsthaft einen dramatischen, ja schicksalhaften Konflikt zu schildern pflegt, und münzt sie in Spottverse um. In 27 Kapiteln seziert er die deutsche Misere und tut das so eindringlich, dass der Leser auch heute versteht, wie es im Deutschen Bund zur Jahreswende 1843/44 zuging. Ja, der hellsichtige Beobachter ahnte die deutsche Katastrophe, die sich schon damals in Militarismus, Duckmäusertum und der Verklärung einer zweifelhaften Vergangenheit ankündigte.

Heine war innerlich zerrissen. Einerseits überzeugt, dass nur eine Revolution menschenwürdige Zustände herbeiführen könne, erkannte er andererseits doch, dass vom Volk, das eine solche Revolution tragen müsste, nichts zu erwarten war. „Die geistige Einheit giebt uns die Censur, die wahrhaft ideelle“, lässt er schon im zweiten Kapitel einen Deutschen sagen. Und wenige Strophen weiter ätzt der Dichter über die Deutschen: „Sie stelzen noch immer so steif herum,/so kerzengerade geschniegelt,/als hätten sie verschluckt den Stock/ womit man sie einst geprügelt.“

Lutz Görner lässt all das dramatische Gegenwart werden. Er flüstert, er donnert, spricht kölnisch und sächsisch, redet wie ein Homosexueller, redet sich heraus wie ein Kind, lässt den alten Kaiser Barbarossa in seinem Kyffhäuser sprechen wie Hitler, er weint und er torkelt über die Bühne wie die volltrunkene Hamburger Stadtgöttin Hammonia.

Heine zu lesen ist ein Genuss, Heine zu hören ein Erlebnis. Aus dem begeisterten Schlussapplaus des Publikums war ein Appell herauszuhören: Mehr davon!