Nordenham - Man kann es mögen oder nicht, das Theaterstück von Christopher Marlowe, das am Mittwochabend von der Bremer Shakespeare Company in der Stadthalle Friedeburg aufgeführt wurde. Das Drama um den Wittenberger Universalgelehrten Dr. Johann Faustus ist eine clowneske Tragödie mit vielen auf Unterhaltung ausgerichteten Abschnitten und Rüpelszenen, die in dem elisabethanischen Theater der englischen Renaissance weit verbreitet waren. Auch in der modernen Inszenierung von Johannna Schall kommen diese mitunter sehr derben Elemente zum Tragen. Und das nicht zu knapp.

Da ist zum Beispiel die phallussymbolträchtige „Banana-Szene“ mit der Darstellung der sieben Todsünden oder der schwule, an der Stange tänzelnde Adolf Hitler in Korsett und Strapsen. „Völlig überzogen“, „abgedreht“, „albern“ und „Ich klinke mich zeitweise echt aus“, lauteten da Kommentare des Publikums schon in der Pause. Aber es gab auch Stimmen, die sofort den historischen Hintergrund im Kopf hatten. „Ich finde es hochinteressant“, meinte beispielsweise Dr. Burkard Leimbach „Das ist eben elisabethanisches Theater. Der Klamauk für die Ungebildeten, die Fragen über die Herkunft des Menschen, nach Gott und den Naturwissenschaften, also die existenziellen Themen für die Bildungsschicht“, erklärte der Anglist.

Einigkeit herrschte allerdings dahingehend, dass die Choreographie äußerst gelungen war. Ein ausdrucksvolles und wandelbares Bühnenbild mit beeindruckenden Licht-, Schatten und Nebeleffekten und drei Ebenen, detailgenaue Gewänder, passgenaue Requisiten, die der jeweiligen Situation auf der Bühne Rechnung tragen – angefangen von der Engels- und Teufelspuppe über beeindruckende wachsende Stapel alter Folianten bis hin zu der beleuchtbaren Zauberliteratur.

Grandios war vor allem die musikalische Untermalung des Dramas mit den unterschiedlichsten Musik- und Klanginstrumenten, bei der Maria Hinte, die auch die Wirtin spielt, sogar auf einer Säge geigt. Und dass die sieben Schauspieler ihr Handwerk beherrschen, haben sie nicht zum ersten Mal in Nordenham unter Beweis gestellt.

Wer glaubt, die Geschichte rund um den maßlosen Gelehrten sei erstmalig von Johann Wolfgang von Goethe (1749 – 1832) aufgegriffen worden, irrt. Über die historische Figur des Dr. Faustus weiß man bis heute nicht viel. Erstmalig erschien 1587 ein Werk über den wandernden Wunderheiler, Astrologen und Alchemisten. Die Uraufführung des Theaterstücks von Christopher Marlowe erfolgte 1592. Fertiggestellt wurde sein Werk jedoch drei Jahre zuvor.

Die Tragödie thematisiert den Werdegang eines Menschen, der alles erdenkliche Wissen, Macht, Ruhm und Wollust in sich aufsaugen will. Um dieses Ziel zu erreichen, schließt er einen Pakt mit dem Teufel ab und verspricht diesem im Gegenzug sein Seelenheil, an das er ohnehin nicht glaubt. Die 24 Jahre, in denen er ausgiebig mit der Gesellschaft und der Obrigkeit sein teuflisches Spiel betreibt, vergehen. Und nach Ablauf dieser Frist nützt Faustus seine reine Selbstanklage auch nichts. Er muss erkennen, dass sein Wissenserwerb und sein Erfahrungsgewinn ihn nicht vor der letzten, sehr einsamen Qual schützen: Der Angst vor dem Tod.