Nordenham - Viele kennen sie noch aus der Schulzeit: die Novelle „Der Schimmelreiter“, die zu den Spätwerken Theodor Storms gehört und erstmalig 1888 veröffentlicht wurde. Am Dienstagabend hat die Landesbühne Nord die schaurige Rahmengeschichte in der Stadthalle Friedeburg als dramatisches Gedicht aufgeführt.
Mensch gegen Natur, Vernunft gegen Aberglaube, Fortschritt gegen Tradition. Das sind Themen, die auch im Zeitalter von Klimawandel und Fake-News eine zentrale Bedeutung haben. Die moderne Schimmelreiter-Inszenierung, die von dem Schauspieler, Autor, Regisseur, Musiker und Komponisten Gernot Plass entwickelt wurde, kam bei den rund 170 Zuschauern in der Stadthalle sehr gut an. „Wirklich toll gemacht mit erstaunlich wenig Requisiten“, war auch Bürgermeister Carsten Seyfarth begeistert.
Spartanische Kulisse
Sowohl die schauspielerische Leistung als auch das spartanische Bühnenbild, das weitgehend mit einer Rampe als Deich sowie mehreren Stühlen und einem Tisch auskam, beeindruckten. Die Bedrohung, die in der Novelle von den Sturm- und Springfluten an der Nordseeküste ausgeht, wurde mit künstlichem Nebel, Lichteffekten, Gewitterdonnern und passender Hintergrundmusik erzeugt.
Worum geht es in dem Werk eigentlich? Der friesische Bauernsohn Hauke Haien entwickelt schon als Kind ein ungewöhnlich starkes Interesse für den Deichbau und mathematische Zusammenhänge. Der Dorfbevölkerung ist der andersartig gestrickte Junge ein Dorn im Auge. Er ist eben ein „Düvelskind“. Als junger Heranwachsender legt Hauke Haien trotzdem eine Senkrechtstarterkarriere hin. Und er verliebt sich in Elke, die Tochter des Deichgrafen Tede Folkerts. Sie ist keinesfalls auf den Kopf gefallen und hat ebenfalls ein Faible für rechnerische Inhalte. Nach dem Tod ihrer Väter heiraten die beiden.
Hauke Haien, der Sohn eines Landvermessers und Bauern, wird zum neuen Deichgrafen. In dieser Funktion plant er gegen den Willen der Dorfbevölkerung ein neues Küstenschutzbauwerk – „unbesiegbar, mächtig, groß“. Mit seinem Schimmel, aus Sicht der anderen ein Teufelspferd, kontrolliert er akribisch die Baufortschritte. Die Situation eskaliert, als bei einer Sturmflut der alte Deich bricht, just bevor der neue fertiggestellt ist. „Das Meer will uns fressen“, heißt es da. Hauke Haien verliert bei dem Unwetter sogar Frau und Kind. Er stürzt sich daraufhin mit seinem Schimmel in die mörderischen Fluten. „Herr, nimm mich, verschon die anderen“, sind die letzten Worte von Hauke Haien, der zeitlebens das Ausmaß der Abergläubigkeit und die Macht des Irrationalen in der Dorfgemeinschaft unterschätzt hat. „Ein kurzer Kampf. Dann Stille. Das Meer.“
Wechselnde Rollen
Das Ensemble aus Wilhelmshaven präsentierte die Handlung als lyrischen Blankvers. Diese Versform ohne Reim räumte den sieben Schauspielern – Johanna Kröner, Anna Gesewsky, Franziska Kleinert, Julius Ohlemann, Philip Buder, Aom Flury und Johannes Simons – viel Flexibilität ein. Mal traten sie geschlossen als Chor auf, dann warfen sie sich die Verszeilen in Windeseile nur so zu. Das galt mitunter gleichermaßen für ihre wechselnden Rollen. Die schnellen und sich in den Handlungsstrang elegant einfügenden Wechselszenen trugen zur Dynamik des Theaterspiels bei, das an keiner Stelle Langatmigkeit aufwies und sich dennoch stark an der Originalvorlage orientierte.
