NORDENHAM - Für das Echte gibt es keinen Ersatz? Von wegen! Wer sich William Shakespeares wortmächtiges Werk „Hamlet“ nicht zumuten möchte, ist mit Sebastian Seidels „Hamlet for you“ bestens bedient. Die 135 Gäste im Güterschuppen jedenfalls hätten am Silvesterabend die neue Theater-Travestie nie und nimmer gegen das Original getauscht.
Das liegt nicht nur am Stück, sondern mindestens genau so an Rolf Wilkens und Axel de Grave. Die beiden Darsteller des Theaters Fatale bereiteten ihren Zuschauern ein Silvester-Vergnügen, das sie so schnell nicht vergessen werden. Im Vergleich zu diesen beiden sehen Miss Sophie und ihr Butler James gleich noch viel älter aus.
„Sein oder Nichtsein“
Aber warum ausgerechnet Hamlet? Dieses 1602 uraufgeführte Drama von Shakespeare hat die Populärkultur bereichert wie kaum ein anderes Theaterstück außer Goethes „Faust“. Viele Sätze aus dem Stück gehören zum Zitatschatz des Alltags: „Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage“, „Etwas ist faul im Staate Dänemark“, „Schwachheit, dein Name ist Weib!“, „Ich wittre Morgenluft“, „Die Zeit ist aus den Fugen“ und natürlich „Der Rest ist Schweigen“.
Das zweite Thema des Stücks ist das Verhältnis der Schauspieler untereinander, ihre Eitelkeit, ihre Verletzlichkeit, ihre Rechthaberei. Und das alles in 70 Minuten und mit zwei Darstellern. Shakespeare hätte sich für einen solchen Auftrag bedankt.
Aber Sebastian Seidel ist nicht Shakespeare. Der 39-jährige lebt als Dramatiker, Theatermacher und Inhaber einer Schauspielschule in Augsburg, und das 2006 uraufgeführte „Hamlet for you“ ist sein bislang erfolgreichstes Stück. Seidel hat alles hineingepackt, was ihn beruflich bewegt, und er hat es so verpackt, dass es auch die Zuschauer bewegt – und zwar überwiegend zum Lachen, was beim Original-Hamlet ja eher deplatziert wirkt.
Denn es geht um Intrigen, Verzweiflung, Irrsinn, List und Tücke, Mord und Totschlag – das ganze Programm also, das zwei mittelmäßige Schauspieler im Schnelldurchlauf auf die Bühne bringen wollen. Kurz der Inhalt: Der dänische König ist von seinem Bruder Claudius ermordet worden, der sich selbst auf den Thron gesetzt und die Königin Gertrud gleich geheiratet hat. Der Geist des Ermordeten fordert seinen aus Deutschland zurückkehrenden Sohn Hamlet auf, Claudius zu töten, aber Gertrud zu verschonen. Hamlet schwankt zwischen Mord- und Selbstmord-Gedanken („Sein oder Nichtsein“).
Friedrich (Rolf Wilkens) ist vom bildungsbürgerlichen Auftrag des Theaters überzeugt und will den Zuschauern ganz nebenbei noch ein wenig Theatergeschichte mit auf den Weg geben. Johannes (Axel de Grave) dagegen ist ganz von der Popkultur erfüllt, will gerne singen – obwohl Shakespeare gar keine Musicals geschrieben hat – und fährt Friedrich ständig in die Parade.
Der gewissenhafte Friedrich erklärt den Zuschauern, dass das Publikum – vor allem die Armen auf den billigen Plätzen an der Bühne – zur Zeit Shakespeares die Stücke nicht nur artig konsumierten, sondern auch deftig kommentierten. Das sollen die Zuschauer im Güterschuppen nachmachen: Wenn Claudius kommt, rufen sie „Mörder, Mörder“, wenn der Politiker Polonius auftritt, rufen sie „Korrupter Lügner“, und bei Gertrud heißt es „Verräterin“.
Johannes setzt noch einen drauf und impft dem Publikum einen Schlachtgesang ein: „Wir wollen Hamlet sehen“. Im zweiten Akt darf er sogar selbst singen: „Ich bin noch da“ nach der Musik von Gloria Gaynors „I will survive“. Hinter der spanischen Wand spielt Rene´ Marechal dazu die Gitarre; er hat auch den Text geschrieben.
„Der Rest ist Schweigen“
Nach einem furiosen Rollenwechsel-Spiel, bei dem sogar Friedrich und Johannes selbst ins Schleudern kommen, sind alle Protagonisten tot. Und Hamlet sagt: „Auch ich bin des Todes, der Rest ist Schweigen.“ Schweigen? Von wegen! Das Publikum reißt es von den Sitzen und alle singen den Fan-Gesang: „Wir wollen Hamlet sehen!“
