NORDENHAM - „Haut ab“, rufen die Kinder, als die Agenten von der Zeitsparkasse Momo bedrängen. Finstere Typen sind das, die Männer mit ihren Sonnenbrillen, den grauen Ledermänteln, den schwarzen Aktenkoffern und den ständig glimmenden Zigarren. Sie haben nur eines im Sinn: den Menschen die Zeit stehlen. Aber sie haben die Rechnung ohne Momo gemacht.

Nach Michael Endes Geschichte hat Vita Huber ein zauberhaftes Theaterstück geschrieben. In zwei Vorführungen lassen sich die Kinder der Nordenhamer Grundschulen am Mittwochvormittag in die zeitlose Welt des lockenköpfigen Mädchens entführen. Das Ensemble der Landesbühne Nord aus Wilhelmshaven begeistert sein junges Publikum. Immer wieder brandet Applaus auf. Und am Ende fordern die Kinder sogar eine Zugabe.

Allein die märchenhafte Kulisse sorgt dafür, dass sich die Zuschauer in eine andere Welt versetzt fühlen. Der Bühnenhintergrund ist erfüllt von einem mächtigen Halbkreis, auf dem die Uhrzeiger rotieren. „Man kann sie nicht festhalten, man kann sie nicht anfassen, sie geht vorüber, also muss sie doch irgendwo herkommen“, sinniert Momo über die Zeit.

Das Mädchen hat eine besondere Fähigkeit: Sie kann gut zuhören und Streitereien schlichten. Deshalb kommen die Freunde gerne zu ihr ins Amphitheater: Gigi, der Fremdenführer, Fusi, der Friseur, Beppo, der Straßenkehrer und die Zankhähne Nino und Nicola. Doch das unbeschwerte Leben der Freunde, die gerne in den Tag hineinleben und in dem Ruf stehen, dem lieben Gott die Zeit zu stehlen, nimmt eine dramatische Wendung, als die Agenten von der Zeitsparkasse, die wahren Zeitdiebe, auf den Plan treten. Einer von ihnen rechnet Fusi vor, dass er Milliarden Sekunden seines Lebens mit Schlafen, Kino und der Pflege seines Wellensittichs verplempert.

Und plötzlich ändert sich alles: Fusi plaudert nicht mehr mit seinen Kunden, aus Ninos gemütlichem Restaurant wird ein Schnellimbiss, und Beppo kehrt die Straße doppelt so schnell wie früher. Und ein hastiger Polka-Rhythmus liefert die Begleitmusik zum Leben auf der Überholspur.

Zum Glück verrät einer dieser fiesen Ledermantel-Heinis das düstere Geheimnis der Zeitdiebe. Und so kann Momo mit Hilfe der Schildkröte Kassiopeia und Meister Hora, dem Verwalter der Zeit, den finsteren Gesellen das Handwerk legen.

Vielleicht konnte nicht jeder Erstklässler die Handlung nachvollziehen, aber dem Ensemble dürfte es allemal gelungen sein, die Sinne für dieses schwierig zu fassende Phänomen der Zeit zu schärfen. Im Augenblick leben können und nicht immer rastlos einem Glücksversprechen in der fernen Zukunft hinterherlaufen – diese Eigenschaft ist vielen Menschen in einer auf ständiges Wachstum ausgerichteten Gesellschaft verloren gegangen. Sich ein Stück Unbekümmertheit im Umgang mit der Zeit zu bewahren, kann aber nicht schaden. Dies machen gerade die Kinder den Erwachsenen oftmals vor. Und so sinniert einer der finsteren Typen in dem Stück treffend, dass Kinder die natürlichen Feinde der Zeitdiebe sind.