NORDENHAM - Papst Benedikt XVI. muss sich nach der Aufhebung der Exkommunikation einer Gruppe erzkonservativer Bischöfe dieser Tage mit schwersten Vorwürfen auseinander setzen. Vor allem ein Fernsehinterview eines der Rehabilitierten, Richard Williamson, in dem dieser den Massenmord an den Juden während des dritten Reichs leugnet, löst massive Proteste aus. Wie bewerten Angehörige der katholischen Gemeinden in Nordenham die Situation ihres Kirchenoberhaupts?
Das Ergebnis einer NWZ -Umfrage: Die Nordenhamer stellen sich vor ihren Papst, der in der Öffentlichkeit insbesondere wegen seiner ablehnenden Haltung gegenüber Abtreibung und Verhütung schon oft als rückwärts gewandter Konservativer in der Kritik stand.
Wilfried Schwarze, Vorsitzender der Pfarrgemeinde St. Willehad, schließt sich der Kritik des Hamburger Erzbischofs Werner Thissen an. Thissen hatte den Beratern des Papstes vorgeworfen, bei der Rehabilitation des Holocaust-Leugners Richard Williamson „schlampig“ gearbeitet zu haben. So glaubt auch Schwarze nicht, dass der Papst von der Shoa-Leugnung Williamsons bei dessen Rehabilitation gewusst habe. Trotzdem müsse das Kirchenoberhaupt jetzt schnellstmöglich Stellung beziehen - „man kann solch ein Verhalten, das in Deutschland den Straftatbestand erfüllt, nicht einfach durchgehen lassen“, sagt Schwarze. Als deutscher Papst trage Benedikt zudem eine besondere Verantwortung, der er jetzt nachkommen müsse.
Hans-Jürgen Maschke, ehemaliger Pfarrgemeinderatsvorsitzender, ist überzeugt, dass niemand mehr unter der Situation leide, als Ratzinger selbst. Befreien könne er sich jetzt nur mit Taten – „Worte alleine genügen jetzt nicht mehr", sagt der 63-Jährige. Williamson müsse wieder exkommuniziert werden.
Besonders der mediale Streit zwischen jüdischen und katholischen Vertretern bereitet Hildegard Symann Sorgen. Das engagierte Mitglied der St.-Willehad-Gemeinde interessiert sich sehr für die jüdische Kultur, liest regelmäßig das Wochenblatt des Zentralrats, die „Jüdische Allgemeine“. Die teilweise bitteren Reaktionen könne sie durchaus verstehen. Man müsse sich jedoch jetzt auf beiden Seiten bemühen, das Gespräch fortzusetzen.
Kornelia Heilmann, stellvertretende Vorsitzende des St.-Willehad-Pfarrgemeinderats, steht ebenfalls voll hinter ihrem Kirchenoberhaupt. Der Papst sei ein „intelligenter und weiser Mann“. Nur in seinem Umfeld sei viel „verstaubt“. Ratzinger müsse jetzt reagieren und Williamson exkommunizieren.
Erhard Bögershausen, Pfarrer der St.-Willehad-Gemeinde betont, dass die Geste der Rehabilitation in guter Absicht geschehen sei. Benedikts Aufgabe sei es, Einigkeit in der Kirche herzustellen, also auch die Kluft zu den Traditionalisten zu überbrücken. Fatalerweise sei schlampig vom zuständigen Kardinal recherchiert worden. Der Papst habe jedoch gut reagiert, indem er sofort betont habe, dass sich an der Einstellung des Heiligen Stuhls zum Judentum und zur Ökumene nichts geändert habe. Im II. Vatikanischen Konzil sei deutlich festgelegt worden, dass die Juden die „älteren Schwestern und Brüder im Glauben“ seien.
Alfons Kordecki, Pfarrer der Herz-Jesu-Gemeinde, erklärt, dass Williamsons Meinung nicht mehr Bedeutung zu gemessen werden dürfe, als die „irgendeines Katholiken“. Williamson sei kein Glaubensvertreter, sondern „nur ein Esel, den man versehentlich aus dem Stall gelassen hat“. Eine erneute Exkommunikation hält er dennoch für unwahrscheinlich – hier gehe es um zwei Themenkomplexe, die man sensibel getrennt behandeln müsse. Kordecki hält ein kirchliches Redeverbot für eine wahrscheinliche Anordnung. Die generell rückwärts gewandte Tendenz des Vatikans, die sich in der Einbeziehung Erzkonservativer äußere, bewertet Kordecki negativ.
