Seefeld - Als junges Mädchen kam die Magd Luise vom bergigen Vogtland ins flache Norddeutschland. Es geschah der Liebe wegen. Ihr großer, blonder, blauäugiger Hinnerk lockte sie in die norddeutsche Tiefebene. Vor vierzig Jahren sei das gewesen und sie liebe ihren Hinnerk jeden Tag ein Stückchen mehr.
Zuschauer sind gespannt
In der Seefelder Mühle steht eine weißbeschürzte Frau vor dem Fenster und schaut über die Galerie in die Ferne. Die rund 20 Zuschauer lauschen gespannt, was die Magd zu berichten hat.
Im Vogtland sei man geschwätzig und schon nach fünf Minuten wisse man alles über sein Gegenüber. Und hier im Norden? Nach einem „Moin“ komme erst einmal gar nichts mehr.
Und dann nach langen Minuten „Wo geit di dat?“ Luise stöhnt, zieht die Worte noch einmal länger, verdreht dabei die Augen. Sie konstatiert: „So redet doch keiner, das ist doch kein Gespräch.“ Die Zuhörer grinsen, denn sie wissen, was Luise meint, kennen die Eigenarten der Wesermärschler, die wohl schon zu anderen Zeiten so gewesen sind.
Bei der historischen Mühlenführung agiert Rosie Fanrow, die ansonsten den Mühlenladen betreut, erstmalig als Magd Luise. Sie beschreibt ihre Schwierigkeiten mit der Sprache, sie vermisst ihre Berge und die Wälder und sie berichtet über die tägliche Arbeit als Magd eines Müllers.
Für die Zuhörer ist es eine amüsante und informative Mühlenführung, die Einblick in vergangene Zeiten mit Sorgen und Nöten der Menschen und ihren täglichen beschwerlichen Arbeiten liefert.
Hier können sie ein Gefühl für die Geschichte bekommen, unterstützt durch die historischen Figuren, die ganz unterschiedliche Aspekte beleuchten.
Für eine Führung schlüpfen je sechs Erwachsene in sechs verschiedene Rollen. Die Texte haben sie selbst erarbeitet und ihnen einen kleinen Bezug zu Seefeld gegeben. Aber die Geschichten, die in kurzen Szenen an verschiedenen Orten in der Mühle erzählt werden, könnten auch woanders spielen, nicht nur in Seefeld.
Zusammen mit Theaterpädagogin Mirjam Dirks haben sie Mitglieder des Rüstringer Heimatbundes befragt, Leute aus dem Ort interviewt und auch im Internet recherchiert. Zurzeit gehören 14 Erwachsene zu der Gruppe der Darsteller für die historischen Mühlenführungen, die in diesem Jahr einmal pro Monat stattfinden werden.
Da ist zum Beispiel der Altgeselle Lorenz (Wolfgang Fritz), der polternd seine Kollegen antreibt und sich insgeheim eine Mühle ohne Müller und eine Müllerin ohne Müller wünscht. Denn er hat innovative Ideen, die der altmodische Müller niemals umsetzen würde.
Oder die Stuenfrau Lore (Dagmar Bentzen), die immer ein Lied auf den Lippen trägt und mit ihren Holzschuhen klappernd durchs Dorf und auf umliegende Höfe wandert, um Bewohnern frisch gebackenes Brot zu bringen.
Sie überbringt auch gleichzeitig als „Dorfzeitung“ die neuesten Nachrichten, die sich unter anderem durch die Stellung der Mühlenflügel ablesen lassen. Hebamme Mudder Griep (Anne Grabhorn) hilft dem siebten Kind, aber der ersten Tochter der Müllerfamilie auf die Welt.
„Glück zu!“
„Glück zu!“ heißt es schließlich beim Müller (Reiner Böning), der eigentlich als junger Mensch zur See fahren wollte, um etwas von der Welt zu sehen. Stattdessen steht er nun auf der Galerie der Mühle und schaut über das platte Land. Immerhin sieht er dort mehr, als die Menschen zu seinen Füßen.
Die nächsten Führungen finden am Sonntag, 19. April, am 1. Mai, am Himmelfahrtstag, am 14. Mai und am Sonntag, 31. Mai, statt – jeweils um 12 und 15 Uhr.
