Oldenburg - Danny ist sauer. Seit Tagen belagern die Demonstranten schon das Londoner Bankenviertel. Seit sieben Jahren ist es seine Heimat. Jetzt muss er sich den Weg um die Zelte bahnen. Die Protestparolen und das ewige Gesinge rauben ihm den letzten Nerv. Dabei arbeitet Danny nicht einmal bei einer der Banken, gegen die sich die „Occupy“-Bewegung richtet. Danny ist Obdachloser - und über Nacht findet er sich plötzlich im Zentrum des Protestcamps wieder.
Danny gibt es nicht wirklich. Er ist eine Figur des britischen Autors Tim Price, der ein Theaterstück über die „Occupy“-Bewegung in London geschrieben hat. An diesem Freitag (14. November) feiert „Protestsong“ am Staatstheater in Oldenburg seine deutsche Erstaufführung: eine Ein-Mann-Show, die nicht die Helden des Widerstands gegen die bösen Banken in den Fokus rückt, sondern die Verlierer am Rande der Gesellschaft.
Obdachlose, die auf Parkbänken übernachten und in Hauseingängen herumlungern, finden sich in jeder größeren Stadt. Man eilt an ihnen vorbei, ohne sie richtig zu beachten oder sich gar Gedanken über ihr Schicksal zu machen. Sie gehören quasi zum urbanen Inventar dazu. Bis „Occupy“ kam. Denn die Zeltlager schienen die Obdachlosen in Scharen anzuziehen. In Wirklichkeit war es jedoch genau andersherum. „Sie waren schon alle da - aber man hat sie vorher nicht wahrgenommen“, erläutert der Oldenburger Dramaturg Matthias Grön.
Nach der weltweiten Finanzkrise besetzten Aktivisten im Herbst 2011 einen Park an der New Yorker Wall Street, um gegen die Macht der Banken und soziale Ungerechtigkeit zu demonstrieren. Millionen Menschen taten es ihnen gleich. Es entstanden „Occupy“-Camps in London, Zürich, Frankfurt oder Berlin. Inzwischen sind sie alle aufgelöst. Was haben sie bewirken können?
Der große Umsturz ist nicht gelungen, das kapitalistische System nicht abgeschafft. Dannys Leben hat die Bewegung jedoch komplett verändert - zumindest vorübergehend. Eigentlich will er anfangs nur eins: dass die lärmenden Besetzer abhauen. Doch dann wird er selbst Teil der Bewegung, erst widerwillig, dann mit Begeisterung.
In einem einstündigen Monolog erzählt Schauspieler Klaus Schramm Dannys Geschichte nach - mit hohem Tempo und viel Körpereinsatz. Schramm springt zwischen den Zeitebenen hin und her, imitiert Dannys Gesprächspartner, flucht, rennt über die Bühne, wirft sich auf den Boden, schnorrt das Publikum an.
Am Ende ringt der Schauspieler sichtbar mit dem Atem. „Das ist körperlich ein ziemlicher Ritt“, gibt er zu. Das Ganze mündet in einem Eklat. Die Demonstranten verstoßen Danny, weil er sich nicht an die Regeln gehalten hat. „„Occupy“ hat mein Leben versaut, weil es mir Hoffnung gegeben hat“, sagt Danny zum Schluss des Stücks. Erfüllt hat sich diese nicht.
