• Jobs
  • Immo
  • Auto
  • Kleinanzeigen
  • Trauer
  • Hochzeit
  • Guide
  • Shop
  • Tickets
  • nordbuzz
  • Fußball
  • Werben
  • Kontakt
 
NWZonline.de Nachrichten Kultur

Eine britische Regentin in feinster Seide

31.08.2019

Beim Kunstwerk des Monats September handelt es sich um ein zunächst eher unscheinbares Bildchen aus Seide, preiswert gerahmt in ein mit ornamentiertem Goldpapier beklebtes Leistenviereck. Das Bild zeigt ein Porträt der britischen Königin Victoria (1819-1901), die als Regentin 1837 das Haus Hannover auf dem englischen Königsthron ablöste und mit ihren 63 Regierungsjahren und 7 Monaten bis 2015 den britischen Thronrekord hielt. Vermutlich entstand die Bildvorlage schon bald nach der Krönung der Monarchin.

Allerdings ist das Porträt nicht gemalt oder gezeichnet, sondern aus Seide gewirkt und somit ein Erzeugnis der angewandten Kunst. Für wen, mag man sich fragen, wurden derartige Bilder hergestellt, von wem und warum?

Das kleine Bildchen ist augenscheinlich eine Devotionalie für Verehrer der britischen Dynastie. Die Zeichnung stammt von einem Edouard Vasselon (1814-1884) und erfolgte im Auftrag der Seidenfabrik von St. Etienne nahe Lyon. Der Rahmen mit seinem billigen Goldpapierüberzug und einem Rapport aus reliefierten Blättern gibt sich als typisches Produkt der Biedermeierzeit (1815-1848) zu erkennen.

Damals eine Sensation

Das Besondere an diesem Objekt ist seine Beschaffenheit aus Seide. Die Zeichnung ist maschinell umgesetzt worden und wirkt durch diverse Grauabstufungen recht plastisch. Bilder dieser Art galten im beginnenden 19. Jahrhundert als Sensation. Ihre Erfindung stammt aus Frankreich und setzte einen Webstuhl voraus, wie ihn der Lyoner Seidenweber Joseph-Marie Jacquard (1752-1834) im Jahre 1805 entwickelt hatte.

Der Jacquard-Webstuhl ist eine mittels Lochkarten programmierbare (!) Wirkmaschine zur Herstellung von feinst gemusterten Geweben. Mit großem Aufwand ließen sich schon vor über 200 Jahren detaillierte Schwarzweiß-Zeichnungen im Webstuhl „einlesen“, rastern und originalgetreu verweben. Wenn sie auch „nur“ maschinell erstellt waren, erhoben Seidenwirkbilder dennoch den Anspruch einer gewissen Wertigkeit.

Motiv und Bildunterschrift unseres Porträts lassen keinen Zweifel daran, dass dieses französische Erzeugnis populären Kunsthandwerks auf ein patriotisches britisches Publikum zielte. Der Warenexport war nicht einmal Verkaufsvoraussetzung, weil im 19. Jahrhundert englische Klientel zu Tausenden an der französischen Kanalküste lebte.

Flucht über den Kanal

Wer immer in Großbritannien wirtschaftlich am Ende war und nicht zum Beispiel in den berüchtigten Londoner Schuldgefängnissen King’s Bench oder Marshalsea enden wollte, setzte mit einem Paketboot über den Kanal und ließ sich in Calais, Dünkirchen oder anderswo nieder. Fast jeder französische Badeort und Fährhafen verfügte über eine britische Gemeinde aus Steuerflüchtlingen, Bankrotteuren und gescheiterten Glücksrittern. Diese Menschen wurden oft von Heimweh geplagt. Sie sprachen kaum Französisch und entwickelten im Gastland englische „Parallelgesellschaften“.

Für die Briten war das Leben auf dem europäischen Kontinent erheblich billiger als in der Heimat. In den Romanen von W. M. Thackeray (1811-1863) finden sich vielfach Schilderungen englischen Lebens im Ausland. Unser Kunstwerk des Monats könnte sich ursprünglich gut und gern im Besitz eines England-Flüchtlings befunden haben. Es gelangte 1878 in die großherzoglichen Sammlungen.

Meine Themen: Verpassen Sie keine für Sie wichtige Meldung mehr!

So erstellen Sie sich Ihre persönliche Nachrichtenseite:

  1. Registrieren Sie sich auf NWZonline bzw. melden Sie sich an, wenn Sie schon einen Zugang haben.
  2. Unter jedem Artikel finden Sie ausgewählte Themen, denen Sie folgen können.
  3. Per Klick aktivieren Sie ein Thema, die Auswahl färbt sich blau. Sie können es jederzeit auch wieder per Klick deaktivieren.
  4. Nun finden Sie auf Ihrer persönlichen Übersichtsseite alle passenden Artikel zu Ihrer Auswahl.

Ihre Meinung über 

Hinweis: Unsere Kommentarfunktion nutzt das Plug-In „DISQUS“ vom Betreiber DISQUS Inc., 717 Market St., San Francisco, CA 94103, USA, die für die Verarbeitung der Kommentare verantwortlich sind. Wir greifen nur bei Nutzerbeschwerden über Verstöße der Netiquette in den Dialog ein, können aber keine personenbezogenen Informationen des Nutzers einsehen oder verarbeiten.