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NWZonline.de Nachrichten Kultur

Begehbares Lexikon im Schloss

19.10.2017

Oldenburg Besonders anschaulich klingen die Stichworte ja nicht: Provenienzforschung, Restitution, NS-verfolgungsbedingt entzogenes Kunst- und Kulturgut. Dahinter verbirgt sich eine zeitraubende, kleinteilige und detektivischen Spürsinn erfordernde Fleiß- und Forschungsarbeit, die Marcus Kenzler nun schon seit 2011 betreibt. Sie zum Inhalt einer großen Ausstellung zu machen, ist eine Herausforderung.

Kenzler ist Provenienzforscher am Landesmuseum für Kunst- und Kulturgeschichte. Seine Aufgabe ist es, die Geschichte von rund 40 000 Sammlungsobjekten aufzuarbeiten und potenziell vorhandenes NS-Raubgut zu identifizieren. Gemälde und Grafiken sind bereits komplett erfasst, „da stoßen wir auf keine Überraschung mehr“. Nun sind die anderen Sammlungsstücke dran – Möbel, Keramik, kunstgewerbliche Objekte.

Rund 60 Exponate

In zwölf Fällen konnte Kenzler bereits die Geschichte und Herkunft von „belasteten“ Objekten rekonstruieren. Die Rückgabe an Erben der zumeist jüdischen Vorbesitzer aber gestaltet sich schwierig. Oft stößt er an die Grenzen seiner Recherche, verlaufen sich die Spuren und bringt auch das Registrieren auf dem Internet-Portal „Lost Art“ keine weiteren Hinweise.

Umso wichtiger ist es ihm, seine Arbeit öffentlich zu dokumentieren und anschaulich zu machen. „Vielen Menschen ist gar nicht klar, was wir machen“, sagt der 45-Jährige. Wie aber eine Forschungsarbeit ausstellen?

Kenzler kam eine einfache, aber gute Idee: eine Art begehbares Lexikon. Neun Räume im Bibliotheksflügel des Oldenburger Schlosses werden nach den 26 Buchstaben des Alphabets und dazugehörigen Begriffen gegliedert. Von A wie „Auktion“ bis Z wie „Zusätzliche Forschungsfelder“.

Der Ausstellungstitel ist klar und bodenständig: „Herkunft verpflichtet. Die Geschichte hinter den Werken“. Unter dieser Überschrift wird die Schau am 3. November eröffnet. Thematisch geht es „vom sehr Allgemeinen bis zum sehr Speziellen“. Beim Schlagwort Auktion etwa wird der Besucher nicht nur allgemein über Versteigerungen im Dritten Reich informiert, auch über sogenannte „Juden-Auktionen“, er kann auch speziell in einem „wirklichen Schatz“ stöbern: in den historischen Ausstellungskatalogen aus dem Nachlass des Gründungsdirektors Walter Müller-Wulckow (1886–1964). Er hatte sie alle gesammelt und mit vielen handschriftlichen Kommentaren versehen.

Begleitbuch

Aber die Schau soll nicht nur Lesern gefallen. Rund 60 Exponate erzählen ihre Geschichte. Etwa der herrschaftliche Scherenstuhl aus dem 16./17. Jahrhundert, der sich in Hermann Görings Sammlung befand oder das Gemälde „Der Geizige“ (um 1610) von Hendrik Gerritsz Pot, das für das „Führermuseum“ in Linz bestimmt war. Beide Exponate kamen 1968 ins Haus. Sie sind Leihgaben des Bundes, nach ihren eigentlichen Vorbesitzern wird geforscht.

Die Wiederentdeckung der Kunstwerke nach dem Zweiten Weltkrieg erinnere ihn an den Kinofilm „The Monuments Men“ mit George Clooney, sagt Kenzler und hat sich offenbar infizieren lassen. In einem eigens für die Schau gedrehten Film wird seine Arbeit Schritt für Schritt dokumentiert. Angefangen mit dem Blick hinter das jeweilige Gemälde, denn die Rückseite mit Zahlen und Aufklebern liefert erste wichtige Hinweise auf seine Geschichte.

Der gerade entstehende Katalog zur Schau ist eher ein Begleitbuch, das nicht nur 26 Schlagworte enthält, sondern 101. Er ist zugleich das erste Nachschlagewerk zur Provenienzforschung überhaupt.

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