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NWZonline.de Nachrichten Kultur

Blick auf die Welt der Chiller und Jogger

21.11.2019

Oldenburg Auch die Welt der schönen Künste ist eine der „Fake News“. Was hat man uns nicht alles auf die Nase binden wollen: Das Genrebild sei tot, das Figürliche, gar die Malerei an sich. Lüge, alles Lüge! Denn es gibt doch diese junge New Yorker Künstlerin Grace Weaver, eine Virtuosin des flotten Strichs ebenso wie der brodelnden Kolorierung, deren Grafiken und Gemälde Geschichten junger Leute von heute so souverän und prall erzählen, dass man aus dem Staunen nicht herauskommt.

Überschaubares Personal

„Little Sister“, die aktuelle Ausstellung im Oldenburger Kunstverein, beschert dem Betrachter anhand von 20 Kohlezeichnungen und 13 teils großformatigen Ölgemälden 33-mal Entzückung pur: Die authentische, starke, saftige Malerei, sie lebt!

Weaver, Jahrgang 89, Master of Fine Arts, einige Preise und Einzelausstellungen in den USA, in England und in Deutschland, vertreten durch die renommierte Berliner Galerie Soy Capitan, lebt und arbeitet in New York. Zeitgleich zur Oldenburger Schau stellt sie in Erlangen aus. Hier wie dort präsentiert sie ihren amüsiert distanzierten bis kritisch nüchternen Blick auf die Welt der Gleichaltrigen, diese Welt der Chiller und Jogger, der Fitnessjäger und Radfahrer, des Körperkults und der Beziehungskrisen.

Dazu instrumentiert sie ein überschaubares, oft solitär agierendes Personal, eine sicher gesetzte, von Schwüngen und Kurven geprägte Lineatur, ein Rundungen und Verknotungen akzentuierendes Formenalphabet und eine reduzierte Palette an warmen bis kochenden Farben.

Inhaltlich dominieren Frauen die Vordergründe; Männer kommen, liebevoll bespöttelt, eher als Männlein vor. „Infinite Scroll“ („Unendliches Scrollen“) zeigt auf fünf Quadratmetern einen bogenförmigen Tresen, an dem hinten zwei schlaffe Typen abhängen. Vorn sitzt eine Frau (bauchfreies Top, kurze Puffärmel), auf die Ellbogen gestützt, gespannt wie eine Katze vor dem Sprung und schaut den Betrachter mit unbewegt gelangweilter Miene aus den Augenwinkeln an: „Boah, sind die fad!“

Überhaupt die Augen. Weaver malt sie ihren Figuren mit großer psychologischer Delikatesse in die runden oder ovalen Kopfschablonen. Mal sind sie groß und fragend, die Pupillen umgeben von Weiß, mal zu Schlitzen verengt, angedeutet nur durch dunkle Striche, und erzählen doch ganze Romane voll von imaginierten Dialogen oder Selbstgesprächen.

Beispiel „Passenger Side“ („Beifahrerseite“): Im Vordergrund die Frau auf dem Beifahrersitz, lässig ein Bein auf dem anderen, hinten das konzentrierte Männlein am Steuer. Sie hat eine Hand auf ihren Beinen, die andere ruht auf seiner Schulter. Beide blicken in etwa in die Richtung des anderen, doch sie sieht ihn dabei nicht an. Entlarvt dieser Nicht-Blick ihre Berührung nicht als die des Bauern, der seine Kuh tätschelt?

Ein Hauch von Hopper durchweht die Szenerie. „Dovetail“ („Passung“) illustriert einen Beziehungsclinch. Um alles wieder einzurenken, umfasst der Mann mit beiden Händen den Kopf der Frau und dreht ihn in makabre Lage, und wieder sind es die Augen beider, die Bände sprechen. „Paren­theses“ schließlich inszeniert den Mann als angestrengtes Hantel-Männchen beim Working-Out, während sie sich in der Pose der Venus von Botticelli auf dem Boden räkelt und dem Betrachter einen tiefen Mona-Lisa-Blick schenkt.

Zartes Wesen

Jeder trägt seine Referenzsysteme mit sich. Die mögen einen im Falle Weaver zu Matisse führen oder zu Alex Katz, zu Gauguin oder zu Paula Modersohn-Becker, zu Andy Warhol oder zu Comics. Da überrascht, wo die Künstlerin selbst ihre Koordinaten verortet: bei dem Kunsthistoriker Aby Warburg, dem Vater der Ikonographie und Erforscher des Fließens der Kulturen zwischen Ost und West, Gestern und Heute.

Überraschend auch die Erscheinung der Frau hinter den Bildern. Wer angesichts der überbordenden Kraft, vor der die Bilder nur so strotzen, eine austrainierte Urheberin vom Typ Brünhild vermutet hatte, trifft auf ein zartes, engelsgleiches Wesen.

Besucher der Ausstellung können sich ein Bild von ihr machen: Die titelgebende Arbeit „Little Sister“ , ein Halbporträt, zeigt Grace Weaver selbst, das Haar sonnenblumengelb, das Gesicht knallorange. Aber die Augen stimmen – ernst, zweifelnd, strahlend. Graugrün.

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