OLDENBURG - Das flimmernde Geflecht aus blauen und weißen Pinselhieben und Farbtupfern erscheint nur auf den ersten Blick abstrakt. Auf den zweiten erschließt es sich als sehnsuchtsvolles Bild des Himmels, das auf jeden weiteren Gegenstand verzichtet, um ausschließlich Weite und Befreiung zu assoziieren. Auf jeder Wolke sei sie in alle Länder, zu allen Freunden geflogen, hat Gerda Lepke einmal über ihre Himmelbilder verraten. Damals, als es die DDR noch gab, als sie selber nicht reisen durfte, nur ihre Bilder.
In der Ausstellung des Oldenburger Kulturspeichers im Schloss hängen zwei davon: ein dunkleres, ein helleres, eines vor der Wende, eines danach entstanden. Wer die 73-Jährige heute aber nach metaphorischer Bedeutung oder dem Unterschied zwischen beiden befragt, bekommt eine abwehrende, fast schroffe Antwort: „Nee, nee, Himmel ist Himmel.“ So leicht will es die Malerin dem Betrachter nicht machen, und so einfach will sie ihre Kunst – die Landschaften, Figurenbilder und Porträts – nicht auf ihre Biografie reduziert wissen.
„Dagegen gefühlt“
Die 1939 in Jena geborene Künstlerin hat ihr Studium an der Hochschule für Bildende Künste in Dresden 1971 trotz ihres unpassenden, weil nicht sozialistischen Menschenbildes mit Diplom abgeschlossen – Voraussetzung für die Mitgliedschaft im Verband Bildender Künstler und die einzige Chance, freiberuflich arbeiten zu können. Erfolgreich konnte sie seinerzeit den Versuch abwehren, sie zu exmatrikulieren. Mit dem Wort „Widerstand“ tut sich Gerda Lepke jedoch schwer. Sie habe stets „dagegen gedacht und gefühlt“, sagt sie. „Wenn mir jemand übergriffig kam, hat er eins auf die Pfoten bekommen“. Ausreisen kam nicht in Frage, aber sie konnte sich retten, indem sie sich „wochenlang mit Grün“ beschäftigte.
Dieses Grün sind Landschaften wie die mecklenburgische Schweiz, die sie immer wieder gemalt hat, einzelne Äste oder Baumkronen in ihrem Garten, lichtdurchflutete Weizenfelder mit Mohn, das liebliche Dresdner Elbufer oder der weite Horizont Niedersachsens. Reale Vorbilder der Natur, deren Formen sie mit vehementen Linienschwüngen, unterschiedlich langen Pinselstrichen und hingetupften Farben bis zur Abstraktion auflöst. Das Ergebnis dieser ganz eigenen Formensprache könnte man als eruptive Mischung aus Impressionismus und action painting bezeichnen.
Viele ihrer Landschaften und Horizontbilder malt sie – wie schon die Impressionisten – direkt vor Ort, andere werden nur skizziert und anschließend im Atelier „niedergeschrieben“. „Ich arbeite mit dem, was ich sehe“, erklärt die Malerin und bezeichnet sich selbst als „Hinseherin“.
Zu retten gewusst
Bei den Figurenbildern jedoch, in denen sie sich von antiken Skulpturen anregen lässt, beschränkte sich das Hinsehen zu DDR-Zeiten oft auf Abbildungen. Doch auch hier wusste sich Gerda Lepke zu retten, durfte sie nicht nach Italien ausreisen, dann fuhr sie eben zu den Museen des Ostens, nach Dresden, Prag, Moskau und Leningrad. Genau wie bei den Landschaften tritt auch das antike Vorbild weitgehend zurück, lösen sich die Konturen der fragilen Körper unter Strichen und Schraffuren auf. Erkennbar aber bleiben Bewegung, Körperhaltung oder auch nur eine prägnante Kopfwendung.
Nach dem Fall der Mauer konnte die genaue Hinseherin endlich auf die Originale schauen. 1989 fuhr sie zum ersten Mal nach Italien. Bis nach Brasilien sei sie gereist, erzählt Gerda Lepke. Dennoch habe sie sich nicht dauernd mit dem Eingesperrtsein beschäftigt, betont sie und resümiert: „Es war ein kleines Leben, aber kein dünnes.“
