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NWZonline.de Nachrichten Kultur

Grobes Holz auf feinstem Papier

07.12.2018

Oldenburg Dem Förster und Bestsellerautor Peter Wohlleben („Das geheime Leben der Bäume“) würde das sicher gefallen: „Baumschlaf“ heißt eine dieser rätselhaften Arbeiten des Hamburger Malers und Grafikers Gustav Kluge, die gleichermaßen irritieren und neugierig machen. Nichts an ihnen ist eindeutig. Ihre Titel antworten auf keine Frage, lösen aber jede Menge Assoziationen aus – und zwar ganz im Sinne des Künstlers.

Bei „Baumschlaf“ jedoch scheinen Objekt und Bedeutung ganz dicht beieinander zu liegen. Die Arbeit besteht zunächst aus einem halben Baumstamm, einer Eiche, der sowohl Druckstock als auch Skulptur ist. Auf der dem Fußboden zugewandten Seite ist eine Figur herausgeschnitzt, Kopf und Körper nur zu erahnen. Die Oberseite dagegen, der eigentliche Druckstock, ist flach und geschwärzt, die Silhouette einer langen schmalen Figur erkennbar.

Einem Schatten gleich, so erklärt es der Künstler selbst, liegt das dazugehörige Abbild daneben auf dem Boden – auf weißer Gaze gedruckt und penibel über schmale Holzrollen ausgebreitet. Ein zartes Wesen, das einer alten Sage entsprungen zu sein scheint und sich – schlafend und träumend – ins Oldenburger Horst-Janssen-Museum verirrt hat. So harmonisch und harmlos geht es in Kluges Arbeiten eher selten zu.

Massive Skulpturen

Gustav Kluge, der für seine Malerei und Grafik gleichermaßen bekannt geworden ist, hat das Obergeschoss des Museums mit rund 25 großformatigen Arbeiten besetzt – mit Druckstöcken und Holzdrucken – und dafür alle störenden Zwischenwände beiseitegeräumt. Seine Druckstöcke – oft aus groben Holzbohlen zusammengesetzt, wie sie auch zum Abdecken von Baugruben verwendet werden – sind für ihn nicht nur ein Mittel der Vervielfältigung, sondern eigenständige Kunstwerke.

Während die Druckstöcke, massiven Skulpturen gleich, Raum und Wände dominieren, sind die Drucke selbst aus feinstem, hauchdünnem Material: aus Pergamin. Das sei das dünnste druckbare Papier überhaupt und sehr empfindlich, erläutert der ehemalige Professor für Malerei an der Akademie der Bildenden Künste in Karlsruhe. Hinter Glas zeigen sich feine Falten und Knicke, die sich beim Drucken gebildet haben. Wie ein Organ, sagt der 71-Jährige und deutet auf die verästelten Strukturen, taste das Papier den Druckstock ab.

Meist gibt es nur einen einzigen Druck, der auch gern frei an der Wand hängt, ohne Rahmen und vom Künstler mutwillig zusammengefaltet und zerknautscht, voller Risse und Löcher. „Zerstörung“ würde das ein unbefangener Betrachter nennen. Für den Künstler ist es eine Form der „Konzentration“ oder ein „anderer Zustand“.

Das spannende „Wie“ lässt das nicht minder spannende „Was“ fast in den Hintergrund treten. Im Zentrum von Kluges mitunter verstörender Bildwelt steht der Mensch, im Konflikt, in der Not oder Krise, gefährdet oder auch nur rätselhaft. Mal werden Figuren von einem Tiger attackiert („Außertierischer Vorgang“), mal hantieren sie in Höhe der Ohren mit einem rötlichen, offenkundig weichem Material („Rote Watte“). Weshalb? Das bleibt ein Geheimnis.

Verständnishilfe

Einen aktuellen politischen Bezug räumt Kluge für das Gruppenbild „Nous sommes les autres“ (Wir sind die anderen) ein. Der weit aufgerissene Mund der blauen Figur links im Bild schreit womöglich aus Schmerz oder aber auch aus Protest. Religiöse Anknüpfungspunkte hat dagegen eine Serie von sieben Holzdrucken, die ursprünglich für die Hamburger Christianskirche gedacht war. Eine kleine Broschüre dient als Verständnishilfe, die auch jene Betrachter nötig haben dürften, die sich für bibelfest halten.

Das schmälert durchaus nicht die Wirkung dieser Großformate, die man auch getrost so nehmen darf, wie Kluge sie beabsichtigt hat: als visuelle Stimulation.

Regina Jerichow
Stellv. Redaktionsleitung
Kulturredaktion
Tel:
0441 9988 2061

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