OLDENBURG - Noch immer schwingt der Besitzerstolz des kleinen Jungen in der Stimme mit, wenn Berthold Socha, der im nächsten Jahr 70 Jahre alt wird, seine erste Kamera – eine Daci Box von 1953 – aus der Tasche hervorholt und herumreicht. „Die hat damals zwölf Mark gekostet“, sagt er mit glänzenden Augen.
Der gebürtige Oberschlesier, der bis zu seinem 15. Lebensjahr in Großenkneten und Ahlhorn aufwuchs, ist praktisch mit der Fotografie groß geworden. Schon vor dem Zweiten Weltkrieg hatten seine Eltern eine Dunkelkammer im Haus. Heute ist der Münsteraner Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Photographie, in die man nicht einfach eintritt, sondern nur berufen werden kann.
Nur analog
Gemeinsam mit Doris Weiler-Streichsbier, kommissarische Leiterin des Landesmuseums für Kunst und Kulturgeschichte, hat er bereits mehrere Ausstellungsprojekte organisiert. Nun ist er selber dran – mit mehr als 125 Fotografien, die nach neun Themenblöcken für neun Räume im Bibliotheksflügel des Schlosses geordnet sind.
Wenn der 69-Jährige von seiner Arbeit erzählt, weiß der Zuhörer zunächst einmal, was Socha nicht tut: Er fotografiert nie digital, nicht in Farbe und nicht drauflos. Seine Kamera hat er immer dabei. So sehr scheint sie mit ihm verwachsen zu sein, dass er von den Leuten auf den Straßen von Münster verwundert angesprochen wird, sollte er ausnahmsweise doch einmal ohne sie aus dem Haus gegangen sein.
Auch als er noch als Referent des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe arbeitete und dabei den Aufbau des Westfälischen Industriemuseums hautnah verfolgen konnte, war die Kamera sein ständiger Begleiter. Seine Kollegen hätten in den Pausen eine Zigarette geraucht, er habe auf den Auslöser gedrückt, erzählt er. Und zwar pro Motiv immer nur ein einziges Mal, denn Socha fotografiert mit Geduld, bis er exakt jenen Augenblick festhält, in dem ein Bild beginnt, eine Geschichte zu erzählen.
Verlassene Orte
Die in dieser Zeit entstandenen Fotos von Industriebrachen bilden einen der neun Themenblöcke – Hochöfen, Kühltürme und Eisenbahnschienen, die zwar dem Untergang geweiht sind und dennoch eine spröde Schönheit und Grandezza ausstrahlen. Daneben finden sich Porträts von bekannten und unbekannten Zeitgenossen – darunter der Fotograf Jim Rakete. Der habe von sich selbst behauptet, „unfotografierbar“ zu sein, sagt Socha: „Ich habe ihn widerlegt.“
Verlassene Orte – etwa ein einsamer Strandwanderer und Umkleidekabinen in der Winterpause – und die grafischen Strukturen der Natur – ein Feld mit Abertausenden von Sonnenblumen, das sich bis an den Horizont ausbreitet und dabei völlig abstrakt wirkt –, sind weitere Themen. Unter der Überschrift „Zuschauer und Akteure“ finden sich aus nächster Nähe halbnackte Catcher, die sich im Schwitzkasten die Luft abdrücken, und ein jugendlicher, tanzender Mick Jagger mit einer Mundharmonika zwischen den Zähnen („Damals durfte man noch mit der Kamera zum Konzert“). Voller Witz die „Kunstbetrachtungen“, in denen versunkene Menschen schier mit dem Objekt vor ihrer Nase zu verschmelzen scheinen.
Einzigartiger Augenblick
Immer ist es jener einzigartige, magische Moment, den Socha sucht, findet und festhält: etwa der Jazz-Trompeter, der angestrengt, mit aufgeblähten Backen und fest zugekniffenen Augen, in sein Instrument bläst, oder jene Blaskapelle auf einem Schützenfest, die über eine Wiese marschiert – knapp vorbei an einem Kasten Bier, aus dem eine leere Flasche hervorlugt.
