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Ausstellung Um schwarze Ecken gedacht

Reinhard Rakow

OLDENBURG - Sigmar Polke, Gott habe ihn selig, der Großmeister des deutschen Kunstspotts, malte und schrieb noch selbst auf die Leinwand: „Höhere Mächte befahlen: Rechte obere Ecke schwarz malen!“. Lotte Lindner und Till Steinbrenner, die New-York-Stipendiaten der Niedersächsischen Sparkassenstiftung und des Niedersächsischen Ministeriums für Wissenschaft und Kultur 2009, lassen schreiben. „Die Gedanken der Künstler sind nicht relevant“ lautet ihr Text, mit Edding auf ein Tuch respektabler 160x120 Zentimeter gebracht vom Kurator(!) höchstselbst in Befolgung detaillierter Ausführungsbefehle, die die Künstler ihm mailten.

Übermalte Graffitis

„Kunstkritik“, so der Titel des Werks, lädt im Oldenburger Kunstverein ein zur Teilhabe am ironisch-respektlosen Spiel mit altehrwürdigen Pfeilern von Kunst und Kritik. Wie Entortung und „Herauspräpieren“, spätestens seit Duchamps beliebte Volten jenes Spiels, bei den beiden funktionieren, demonstriert die Arbeit „Marks“. Von weitem ein monochrom schwarzes Ölfarben-Triptychon, entpuppt sie sich als auf die Wand geklebte Fotos; abgelichtet sind die Flächen, die an den Mauern New Yorker U-Bahn-Schächte durch das behördliche Überstreichen von Graffitis entstehen. Kunst-Verhinderungs-Kunst also, noch dazu (mindestens) doppelt gebrochen. Das hat was, zumal für den, der Spaß daran findet, um (schwarze) Ecken zu denken.

Apropos Ecken: Um Ecken gehen darf der Besucher auch. Und zwar quer durch den Raum, dann schräg, Flopp!, dann geradeaus, und dann: Bingo! Aus mannshohen Spanplatten haben Lindner-Steinbrenner eine Art Tunnelverbund mit Billard-Anmutung errichten lassen. Der benutzende Besucher fungiert als Kugel, und da, wo in der richtigen Billardplatte das Loch wartet, findet er sich in einem spärlich beleuchteten Kubus, in dem es heimelig nach aromatischen Lösungsmitteln duftet.

Ehrliche Handarbeit

Hier endlich, sozusagen im Zentrum aller Kunst, kann er wahre Ölfarbe bewundern, um genau zu sein: 80 Liter Cadmium-Rot und die dick aufgetragen mit dem Blattspachtel von den Künstlern in eigener ehrlicher Handarbeit. Dem Ausstellungsgänger sei dringend angeraten, sich, anders als die Billardkugel, nicht fallen zu lassen; die Farbe nämlich haftet ungemein hartnäckig, und die Flüche, die ihm darob vermutlich entfahren würden, dürften draußen ziemlich gut zu verstehen sein – wahrscheinlich durchaus im Sinne der Versuchsanordnung der beiden ausgezeichneten Schlawiner.

Warum, Frau Lindner, Herr Steinbrenner, heißt die Ausstellung eigentlich „We don’t trust you“? – „Hier stellen wir die Fragen.“ Merke: Die Gedanken des Künstlers sind nicht relevant.

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