OLDENBURG - Er fühle sich unwohl, bekannte der Preisträger. Doch zur Unruhe bestand am Dienstagabend im Festsaal des Oldenburger Schlosses kein Anlass. Er fühle sich deshalb „unwohl“, bekannte der polnische Ossietzky-Preisträger Wlodzimierz Borodziej zu Beginn seiner Dankesrede, weil er gleichermaßen „geehrt und gerührt, ausgezeichnet und herausgefordert“ sei, die „hohen Erwartungen nicht zu enttäuschen.“
Eine Auftragskomposition
Das war ein charmanter Anfang für eine Ansprache, die die Spannung zwischen Freiheit und Autorität, zwischen Zeitgeist und Anstand, Gehorsam und Widerstand in Polen in den letzten 100 Jahren auslotete. Zuvor hatte Oldenburgs Oberbürgermeister Gerd Schwandner an das Schicksal des von den Nazis verfolgten Publizisten Carl von Ossietzky (1889–1938) erinnert und sich selbst rüstig als „überzeugten Internationalisten“ gelobt. Der Journalist Gunter Hofmann hielt die Laudatio auf den „Brückenbauer“ und mehrfachen Buchautor Borodziej, der sich unbeirrt für die deutsch-polnische Aussöhnung einsetze.
Für den musikalischen Rahmen sorgte eine Auftragskomposition der in Kasachstan geborenen Jamilia Jazylbekova mit dem schönen Titel „Über Grenzen“, interpretiert von Mitgliedern des oh-ton-Ensembles.
Der 53-jährige Borodziej zeigte anhand seines Lebens die Unterschiede Europas auf. Bis 1989 war sein Land eine Diktatur. Er selbst, der sich heute als Agnostiker sieht, durchlief eine katholische Sozialisation. Die polnische kommunistische Gesellschaft lebte von einem ungeschriebenen Vertrag: „Ihr da oben lasst uns in Ruhe, wir tun so, als ob wir zufrieden wären“.
Borodziej berichtete von seinem Studium, vom Staat, der Papst Johannes Paul II. fürchtete, von der Entstehung der Gewerkschaft „Solidarnosc“, den Anfängen der Demokratie, der Freiheit des Reisens und dem langsamen Verschwinden der Angst, aber auch von Geheimpolizei und Militärdiktatur.
Leben in der Diktatur
Sein faszinierendes Fazit: „Freiheit ist nicht immer ansteckend. Sie wird zu einem mächtigen Impuls für eigenes Handeln, sobald die Idee von Menschen vertreten wird, die man attraktiv findet; und die polnischen Oppositionellen, die Mut mit Klugheit verbanden, waren attraktiv“.
Dagegen sei Freiheit als Alltag „meist uninteressant“. Borodziej: „Wer mit Schengen aufgewachsen ist, weiß gar nicht, wo er lebt.“ Er dagegen habe den ersten Teil seines Lebens in einer Diktatur verbracht. Er danke deshalb für die erlangte Freiheit. Allerdings nicht jeden Tag: „Dazu leben wir zu schnell.“
des Carl-von-Ossietzky-Preises wird von der Stadt Oldenburg traditionell alle zwei Jahre am 4. Mai, dem Todestag Ossietzkys, vergeben. Sie ist mit 10 000 Euro dotiert. Preisträgerin 2008 war Inge Deutschkron.
findet (20 Uhr, Oldenburg, PFL, Peterstr.) eine Podiumsdiskussion zu Europa u. a . mit Professor Borodziej statt.Teilnehmer sind außerdem Stefan Troebst und Oliver Rathkolb.
