Oldenburg - Ohne die kleinen Verrücktheiten wäre das Leben doch langweilig. Warum finden etwa im Fußball Torwart und Linksaußen besondere Zuneigung? Eben, weil man ihnen die bekannte leichte Schramme nachsagt, natürlich eine nette. „Da können wir mithalten“, sagt Musiker Joaquin Alem und lacht. „Auch wer Bandoneon spielt, muss verrückt sein.“
Alem (43) gibt zu: „Schon bei den Tasten ist die Ordnung völlig chaotisch.“ Ob Klavier, Cello, Blockflöte, Harfe, Akkordeon, Tuba oder sonst was: Überall sind Töne, Tonleitern oder Tonarten in einem sinnvollen Bezug zueinander zu greifen oder anzublasen. Beim Bandoneon nicht. Zudem sind viele Knöpfe wechseltönig belegt. Aus dem Bandoneon schallt es nicht heraus, wie man hineinbläst. Beim Quetschen schafft der Druck auf die im gängigen Fall 71 Tasten mit 142 Tönen andere Tonfarben als beim Ziehen.
Also, Senor Alem, warum sind Sie ausgerechnet einem solch querköpfigen Instrument auf den Leim gegangen? „Weil das Bandoneon die Möglichkeit gibt, alles an Gefühlen auszudrücken, was die Musik überhaupt bereithält“, erwidert der in Oldenburg lebende Argentinier. Da schlägt er alle Gegenargumente aus dem Feld. Noch ist in Deutschland der Kreis der Spieler überschaubar. „Aber es werden mehr“, hat Verfechter Alem bemerkt.
Lehrbuch erarbeitet
Den positiven Trend hat er aufgegriffen. „Es gibt kaum direkte Lehrmethoden“, erläutert er, „und mit dem Exerzieren von Tonleitern sind Anfänger kaum zu gewinnen.“ Also hat er ein eigenes Spiel- und Lehrbuch erarbeitet. Es enthält Originale und Arrangements auf unterschiedlichem Niveau. Bach ist dabei, Ravel, Bartok, Satie. Natürlich auch Astor Piazzolla, Eduardo Arolas, José Martínez – und allerhand Joaquin Alem.
An diesem Sonnabend, 29. Juni, 18 Uhr, stellt er das Kompendium mit leichten bis mittelschweren Stücken im Kulturzentrum PFL an der Oldenburger Peterstraße vor. „Es ist schön, damit ein bisschen deutsche Instrumentengeschichte nach Deutschland zurückzubringen“, freut er sich.
Deutsche Geschichte? Ja doch, eine sehr bedeutsame sogar. Der Krefelder Musiklehrer Heinrich Band hat das Bandoneon 1846 aus der Konzertina entwickelt. Wahrscheinlich Seeleute haben es nach Südamerika gebracht. Vor allem in Buenos Aires und Montevideo traf der etwas schlammige und mystische Klang ins Herz jener bunten Gesellschaftsmelange aus Einheimischen und Immigranten. Die Städte waren bald voll von diesen sonor sanften Melodien und brillant scharfen Rhythmen.
„Der Klang ist traurig, klagend, nostalgisch“, beschreibt es Alem. „Und die Seele dieses Klanges ist deutsch.“ Das ist keine abwegige Einschätzung. Deutsche Volkslieder etwa können von Fröhlichkeit urplötzlich in Melancholie abstürzen.
15 Jahre, seit 1999 als Professor, hatte er sich am Konservatorium „Ernesto Mogávero“ in Buenos Aires der Verbreitung des Bandoneon-Spiels verschrieben. 2012 kam er wegen seiner Frau nach Oldenburg. Hier hat er sich als Komponist und professioneller Interpret einen geachteten Namen gemacht. Gerade hat er ein neues Konzert für Bandoneon und Orchester fertiggestellt.
60 000 Instrumente
60 000 Instrumente soll es zu den Hochzeiten des Bandoneons gegeben haben. Die Hälfte dürfte zwischen 1911 und 1945 Marktführer Alfred Arnold aus Carlsfeld bei Klingenthal im Erzgebirge geliefert haben. Mit der Enteignung 1948 gingen die speziellen Material- und Baupläne verloren. Experten meinen, dass seitdem nie wieder die Qualität der Bandoneons vom Arnoldschen Typ „Doppel A“ erreicht worden sei. Klar, dass Alem seine „Doppel A“ wie Schätze hütet.
Von Sammlern und Antiquitätenjägern gesucht wie altes Porzellan sind inzwischen vor allem jene Instrumente, die irgendwo in Südamerika immer noch unbeachtet lagern. Doch Schnäppchen sind kaum zu machen. Da hält der argentinische Staat die Hand drauf. Nostalgische Bandoneons stehen als Kulturschätze unter Denkmalschutz
