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NWZonline.de Nachrichten Kultur

Die Entdeckung eines Unbekannten

27.10.2018

Oldenburg Jahrzehntelang lagen auf einem Dachboden nahe Cork – Irlands Südküste, tiefste Provinz: handschriftliche Notizen und Fotografien zwischen Rechnungen. „Wie eine Schatzkiste“, sagt Rainer Stamm. Seit Anfang des Jahres arbeitet sich der Direktor des Landesmuseums für Kunst und Kulturgeschichte Oldenburg zusammen mit Kunsthistorikerin Gloria Köpnick durch einen großen Teil des Nachlasses von Hin Bredendieck. Der gebürtige Auricher studierte von 1927 bis 1930 am Bauhaus Dessau, lehrte später in den USA – und wurde nach seinem Tod größtenteils vergessen.

Zwischen Utopie und Anpassung – Das Bauhaus in Oldenburg

Im Zentrum der Ausstellung, die das Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte vom 27. April bis 4. August 2019 im Augusteum zeigt, stehen Hans Martin Fricke, Hermann Gautel, Karl Schwoon und Hin Bredendieck, die aus der Region ans Bauhaus kamen. Highlights sind zudem Arbeiten von Wassily Kandinsky, Oskar Schlemmer, László Moholy-Nagy oder Josef Albers.

Stamm und Köpnick bereiten seit 2016 eine Ausstellung zum 100-jährigen Gründungstag des Bauhauses im kommenden Jahr vor, in deren Zentrum vier Schüler der avantgardistischen Schule für Architektur, Kunst und Design aus der Region stehen. Durch die Recherchen kam auch der Kontakt zu Hin Bredendiecks Nachfahren zustande, die inzwischen in den USA, in der Schweiz und eben an Irlands Südküste leben.

Wahre Trüffelstücke

„Aus aller Welt werden Leute hierherkommen, weil Bredendieck nur hier zu sehen sein wird“, sagt Stamm. Im Berliner Bauhaus Archiv gibt es ein paar Aufzeichnungen des Aurichers, der Rest galt als verschwunden. „Als wir den Nachlass zum ersten Mal gesehen haben, war uns sofort klar, dass da noch kein Kunsthändler dran war“, sagt Köpnick. „Da sind wahre Trüffelstücke drin.“ Auch der zweite Teil, der in den USA liegt, ist weitgehend unberührt.

Mit dem Nachlass des großen Unbekannten hat Oldenburg im kommenden Jahr ein Alleinstellungsmerkmal. Viele Museen beteiligen sich am Bauhaus-Jubiläum, mit den großen hält das Landesmuseum normalerweise nicht mit. „Wir haben aber Bestände, die das Bauhausarchiv in Berlin nicht hat, die das Bauhaus Dessau nicht hat, die die Stiftung Weimarer Klassik nicht hat“, sagt Stamm.

Einen Vorgeschmack auf das große Interesse gibt die Medienpräsenz im Prinzenpalais. Überregionale Zeitungen berichteten, Fernsehteams kamen, Radiosender ebenso. „Kaum jemand wurde so nachhaltig vergessen, wie Hin Bredendieck“, schrieb das Kunstmagazin „Art“ im September.

Lehrer in Chicago

Der spätere Bauhaus-Lehrer wurde 1904 in Aurich geboren. Vor seinem Schritt nach Dessau lernte er das Tischlerhandwerk. Am Bauhaus wurde er bald Mitarbeiter in der Metallwerkstatt. Dort beschäftigte er sich vor allem mit Lampen. Von ihm stammen aber auch andere Dinge, etwa ein selbst zusammenbaubarer Stuhl – lange, bevor Ingvar Kamprad und Ikea Möbelkäufer mit ihren Anleitungen in den Wahnsinn trieben.

Von Dessau aus ging Bredendieck nach Berlin, arbeitete in einer Werbeagentur. Später zog er in die Schweiz. „Dort arbeitete er bei der Wohnbedarf AG, dem damaligen Hotspot für Design“, sagt Stamm. Nach der Machtergreifung der Nazis musste Bredendieck die Schweiz verlassen – und ging zurück nach Oldenburg. Hier arbeitet er in einer Polsterei. „Das reichte ihm aber nicht“, sagt Stamm. Also emigrierte er 1937 in die USA – und wurde Bauhaus-Lehrer in Chicago. Später war er Gründungsdirektor des Instituts für Industriedesign am Georgia Institute of Technology in Atlanta. „Bredendieck war kein Abenteurer“, sagt Stamm. „Aber er war mutig“, ergänzt Köpnick.

Großer Multiplikator

Das ist auch ein Grund, warum die Kunsthistoriker Bredendieck vor allem als Multiplikator sehen. Von ihm existiert nicht dieses eine große Werk, kein ikonisches Stück. Doch er trug die Ideen des Bauhauses in die Welt. „Er hat wirklich gebrannt“, sagt Stamm. Dennoch flog er unter dem Radar. „Lange ging es nur um die großen Namen“, sagt Stamm. Albers, Moholy-Nagy, Kandinsky, Klee. „Jetzt sucht man nicht mehr nach den glänzenden Gestalten, sondern nach den Geschichten.“

Und die bietet Bredendieck. „Er gibt uns die Möglichkeit, die Geschichte des Bauhauses zu vervollständigen“, sagt Köpnick. Zudem erzähle sein Nachlass eine große Migrationsgeschichte. „Hin Bredendiecks Geschichte hat wirklich Relevanz.“ Und sie hat offenbar nur darauf gewartet, auf einem irischen Dachboden entdeckt zu werden.

Robert Otto-Moog Redakteur / Redaktion Oldenburg
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