Oldenburg/Bayreuth - Natürlich kennt Dr. Sven Friedrich alle Vorurteile, Fakten und Nachreden zu Richard Wagner. Etwa diese grobe Version: Der Komponist war musikalisch zwar ein Riese, charakterlich hingegen ein Gartenzwerg. „Gerade bei Wagner hängen Biografie, Persönlichkeit und Werk stets eng zusammen“, sagt der Direktor des Richard-Wagner-Museums in Bayreuth und schiebt lächelnd nach: „Man muss eben damit klarkommen, dass nicht nur gute Menschen gute Kunst produzieren - und umgekehrt...“
Friedrich referiert am kommenden Donnerstag (4. Oktober, 20 Uhr), im Schlosssaal beim Oldenburger Landesverein und dem Freundeskreis des Staatstheaters. Nach drei Premieren im „Ring des Nibelungen“ im Großen Haus des Staatstheaters kann er sicher sein, in Oldenburg reichen Nährboden für seine Gedanken zur Aufführungsgeschichte des Mammutwerkes zu kultivieren. Mag Wagner die Musikwelt in die Gruppen glühende Verehrer, Hasser und Neutrale spalten: In Oldenburg ist der Respekt vor dem allumfassenden Werk subjektiv gefühlt deutlich gestiegen.
„Wagner hat immer polarisiert, mehr als jeder andere Künstler”, räumt der Wagner-Experte ein. „Er kennt eben keine objektivierende Distanzierung , wenn man sich auf seine Kunst einlassen will. Die psychologische Wirkung seiner Musik kann das Innerste im Menschen berühren, weshalb Wagners Kunst für manche zu einer Art Religionsersatz geworden ist.“
Nun mag Wagners Gesamtkunstwerk in einer sich spaltenden Welt aktuell wirken. „Doch seine Gesellschaftstheorie zielte immer auf die Überwindung des Trennenden durch die Kunst”, gibt Friedrich zu bedenken. „Freilich hatte man sich dazu seiner Kunst- und Weltanschauung kritiklos zu unterwerfen. In seinen Werken geht es um Emanzipation, siehe Brünnhilde im Ring, um Freiheit und Erlösung und um die Frage der Menschwerdung.“ Fazit: „Die Polarisierung ist also Wirkung Wagners, seine Intention das Gegenteil.”
Nun mag der „Ring“ mit seinen 14 Stunden netto Musik zu den größten Herausforderungen im Opernbetrieb gehören. „Doch wie soeben ein kleines Haus wie Minden mit 535 Plätzen das stemmt, ist beglückend“, führt Friedrich aus. „Minden, Oldenburg, derzeit ein halbes Dutzend Häuser, beweisen die Leistungsfähigkeit der weltweit einzigartigen Stadttheaterkultur in Deutschland.“
Bei allem probenintensiven Spinnen am Netz aus melodischen, harmonischen und rhythmischen Varianten, sieht der Bayreuther Direktor theaterpraktisch starke Anreize, sich an die Tetralogie zu wagen.
Musikalisch und sängerisch-darstellerisch seien die Anforderungen zwar immens. Aber inszenatorisch ähneln die Teile einem Kammerspiel. „Es gibt nur einen kleinen Chor in der Götterdämmerung und außer dem Walküren-Oktett keine Massenszenen”, zählt er auf. „Selten stehen mehr als zwei bis fünf Personen auf der Bühne.“
Auch so ein Vorurteil: Es gebe heute keine richtig guten Wagnersängerinnen und -sänger mehr. „Es waren früher auch nicht alle herausragend“, hält Friedrich dagegen. Und: „Es gibt heute – gerade in der Breite – viel mehr gut ausgebildete Sänger im Wagner-Fach als früher. Das macht Wagner auch an kleineren Häusern möglich.“
Seinem Empfinden nach werde heute leider zu viel gebrüllt. Aber mit einer ausgebildeten und technisch gut geführten Stimme müsse man eben nicht nur auf Kraft setzen: „Solche Künstler können sich trauen, ,italienisch’ zu singen – leider tun das nur zu wenige.”
