Oldenburg/Berlin - Mit der Zeitgenössischen Musik ist es ein Kreuz. Findet sie viele zustimmende Zuhörer, gilt sie als anbiedernd und nicht modern genug. Fletscht sie bissig die Zähne und verbellt die Hörer, wird sie elitär gescholten. Und wie ordnet man Komponisten ein, deren Werke sich weit zwischen beiden Polen spannen? Man bedenkt sie mit einem Preis.
Wolfgang Rihm erhält ihn an diesem Donnerstag, einen Tag nach seinem 66. Geburtstag, bei einer festlichen Gala in Berlin. Es ist der Deutsche Musikautorenpreis, seit 2009 in zehn Kategorien vergeben von der Gema, der Gesellschaft für musikalische Aufführungs- und mechanische Vervielfältigungsrechte. Er würdigt das Lebenswerk des Essayisten und Komponisten von mehr als 500 Opern. Rihms Werke werden so oft gespielt wie die keines anderen deutschen Musikverfassers der Gegenwart.
Von Fachjury vergeben
Was den Preis besonders aufwertet: Er ist unter dem Titel „Autoren ehren Autoren“ von einer Fachjury vergeben worden, der sieben ebenfalls renommierte Komponisten und Ausübende angehören.
Jury-Mitglied Violeta Dinescu von der Carl-von-Ossietzky-Universität Oldenburg hat den in Karlsruhe lehrenden Rihm über seine Musik hinaus „als einen fantastischen Gesprächspartner“ kennengelernt. Das ist konträr zum Etikett „Enfant terrible“ der Musik des 20. und 21. Jahrhunderts. Für die Professorin für angewandte Komposition ist Rihm ein resolut Zupackender, der viele Steine umgedreht hat: „Er kommt mir, rhythmisch und harmonisch gesehen, wie ein harter Arbeiter im Steinbruch vor.“
Fasziniert erinnert Dinescu sich an vier in den Saalecken postierte Schlagzeuger und ihre Wucht in den 80er Jahren. Aber ebenso fiel in diese Zeit ein Klavierquartett. „Das klang eingängig und emotional irgendwie in c-Moll.“ Und ein von Streichern getupfter Ländler streichelt hochsensible Ohren und Gemüter. Insgesamt findet die Oldenburgerin für das breite Spektrum von Rihms Werk mit seinem subjektiven Ausdrucksbedürfnis eine treffende Charakteristik: „Er ist ein Sowohl-als-auch-Komponist.“
Weitere Preise
In der Tat. In seinem komplexen Schaffen stehen traditionelle Formen wie Opern, Sinfonien, Solokonzerte und Kammermusik neben experimentellen Werken mit Titeln wie wie Morphonie – Sektor IV, Tutuguri, Dis-Kontur, Gejagte Form für Orchester oder Kontrafaktur mit Klavier-Gegenüber. „Er hat seinen eigenen, expressiven Stil stets konsequent weiterentwickelt“, würdigt die Jury. Sein großer Lehrer Karl-Heinz Stockhausen hat das einmal anders ausgedrückt: „Dem Rihm kannst du sowieso nichts sagen, er macht, was er will.“
Dinescu musste mit sich selbst vor der Wahl eine kleine Diskussion ausfechten. „Mit dem Herzen habe ich auch zu Aribert Reimann tendiert“, verrät sie. „Ich schätze sehr seine Art, für Gesangsstimmen zu schreiben.“ Doch sie musste sich nicht verbiegen: „Rihm ist einfach eine große Persönlichkeit.“
Die weiteren Preise für Werke wie für Pop/Rock, Jazz/Crossover, Ensemble mit Elektronik, Komposition Audiovisuelle Medien oder Kinderlied werden offiziell erst am Galaabend bekannt gegeben. Dinescu darf in ihrem Jury-Fachgebiet Komposition Chormusik durchaus mit ihrem Favoriten rechnen: „Das ist Arvo Pärt, der estnische Altmeister. Seine Musik muss nicht gefallen, aber sie ist eingängig. Da ist er sehr wahrhaftig.“
