OLDENBURG - Natürlich muss man den Pianisten Vadim Andreev auch hören. Das hat Musik ja so an sich. Aber man muss ihn vor allem sehen. Wenn er sich vor dem Klavier verneigt, ist er einfach ein liebenswürdiger Mensch. Aber wenn er über die Tasten irrwischt und im Jazzstil improvisiert, dann spielen sich in seinem Gesicht ganze Menschheitsdramen ab. Seht: Dieses Leben ist eins der schwersten – aber auch eins der schönsten!

Solche Nähe zeichnet die Brahms-Woche mit ihren acht intelligent aufeinander abgestimmten Konzerten aus. Der Salon ist in der Villa Gartenstraße bereitet. Ein Raum für gut 50 Zuhörer, voll besetzt, akustisch bei aller Beschränkung nie gedämpft, sondern deutlich tragend. Und die umtriebige Veranstalterin und Künstlerin Elena Nogaeva findet immer einen Dreh, dem jeweiligen Auftritt einen Hauch des Außergewöhnlichen anzuheften.

Diesmal ist es ihre persönliche Freundschaft zu Vadim Andreev. Vor 30 Jahren haben sie zusammen in Moskau die Aufnahmeprüfung zum Konservatorium bestanden, und nicht oft bleiben Künstler, „die ja immer Konkurrenten sind“, einander so herzlich zugeneigt. Und auch das noch: Vadim Andreev feiert seinen zehnten Auftritt in Oldenburg.

Der hat es in sich. Der Pianist hat sich von seinem Domizil an der Côte d’Azur zu Weltruhm als Jazzmusiker gespielt. So greift er souverän Nogaevas Zugabe vom ersten Programmteil auf, stimmt Robert Schumanns „Träumerei“ an – und legt los. Er kennt alle Floskeln, die den Weg der Improvisation pflastern. Aber bei seinem beherzten Intellekt folgen immer die unerwarteten Übergänge, die verblüffenden Wendungen, die fantastischen Auflösungen.

Zuvor hat Elena Nogaeva selbst ihren hohen künstlerischen Rang bekundet, mit Stücken aus Schumanns „Kreisleriana“, mit Chopin-Konfekt. Sie weiß, dass keine Werkgruppe des Polen so voller interpretatorischer Gefahren steckt wie die der Nocturnes. So nimmt sie das f-Moll-Stück op. 55/1 weder als Salonromantik, noch als Stimmungsmusik, strebt aber auch nicht mit Gewalt zum Gegenteil. Ihr Chopin ist vielmehr zwischen Herz und Kopf mit einem fein subjektiv gefärbten Expressionismus wundervoll ausgewogen.

Klar, dass Nogaeva und Andreev auch vierhändig ihre seltene Freundschaft vertiefen, passend mit einem seltenen Brahms: „Souvenir de la Russie“, einer Fantasie über folkloristische Themen. Brahms hat das vierhändige Klavierspiel richtig geliebt. Und wer weiß, vielleicht hätte er solche Zuneigung auch zum Jazz entwickelt.