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NWZonline.de Nachrichten Kultur

Bilanz: Die Zukunft der Orchester ist weiblich

23.03.2020

Oldenburg /Bremen Die Jahre liegen vielleicht nicht fern, in denen große Berufsorchester stolz darauf sein könnten, noch viele Männer an ihren Pulten sitzen zu haben. Ihre Dominanz schwindet unaufhaltsam. Das verkündet sogar die Deutsche Orchestervereinigung (DOV). Sie fasst ihre neueste Statistik vom Februar in den Satz: „Die Zukunft der Orchester ist weiblich!“

Wer vorausschauen will, muss auch die Vergangenheit betrachten. Zum Ende der 1980er-Jahre trat im Oldenburgischen Staatsorchester Marianne von Hänisch ihre Stelle als 1. Konzertmeisterin an, als eine der ersten in Deutschland. Kollegen ließen sie intensiv spüren, dass sie die Geigerin als Eindringling betrachteten. Ende 2012 begann Ruth Ellendorff ihren Dienst im Staatsorchester. Als Tubistin brach sie eine Männerdomäne ein. Doch: „Ich wurde mit offenen Armen aufgenommen“, hat die heute 33-Jährige nicht vergessen.

Die DOV als Berufsvereinigung von rund 10 400 „berufsaktiv Versicherten“ meldet 4270 Frauen, also 41 Prozent weibliche Orchestermitglieder. 1971 lag die Quote unter sechs Prozent, 1987 erst bei zwölf. In 14 der 129 deutschen Berufsorchester liegt sie jetzt über 50 Prozent. Die Bremer Philharmoniker fallen mit 53 Prozent Musikerinnen in diese Kategorie. Die Oldenburger stehen mit 50 an der Schwelle.

Staatsorchester-Direktor Oliver Kersken verweist darauf, dass in allen vier Holzbläser-Gruppen Flöte, Oboe, Klarinette und Fagott Stimmführerinnen an den ersten Pulten sitzen. „Gerade zum 1. März haben wir Leah Blomenkamp (24) als Solofagottistin verpflichtet“, berichtet er.

Bremens Intendant und Geschäftsführer Christian Kötter-Lixfeld hat ein Faible für die ungewöhnliche Besetzung einer Gruppe: „Hinter unseren sechs Kontrabässen sitzen doppelt so viele Frauen wie Männer, darauf bin ich stolz.“ Aha, vier Frauen, zwei Männer. Die Bremer haben zudem, ganz selten, in Rose Eickelberg eine Paukerin.

Die Zukunftsprognose leitet sich aus der Alterspyramide ab. Männer besetzen führend die Altersgruppe ab 50 Jahren. Frauen sind zwischen 25 und 45 im Schnitt in der Mehrheit. Es gibt deutlich mehr weiblichen Nachwuchs. Kötter-Lixfeld erlebt beim Probespiel für Violin-Vakanzen „drei Viertel Bewerberinnen“.

Nicht nur positiv bewertet Dr. Volker Timmermann die DOV-Bilanz. Der Oldenburger Musikwissenschaftler ist als Mitarbeiter des Bremer Sophie Drinker-Instituts mit der historischen und aktuellen Stellung von Frauen in der Musik befasst. „Wenn die Frauen inzwischen verstärkt vordringen, sehe ich das als großen Schritt zur Chancengleichheit“, sagt er. Doch Timmermann schließt sich auch der Bewertung an: Je berühmter ein Orchester, desto geringer die Frauenquote. Beispiele: Gewandhausorchester Leipzig 28 Prozent, Berliner Philharmoniker 13,9, Wiener Philharmoniker 7,6.

Die Tarifverträge unterscheiden zwar nicht nach Geschlechtern. Gleiches Geld für gleiche Arbeit ist da festgeschrieben. Doch Orchester sind unterschiedlich eingestuft. In den prominenten gelten die höchsten Zulagen. „Es ist wie in der Wirtschaft“, vergleicht der Wissenschaftler, „auch da fallen besser dotierte Posten öfter an Männer.“

Künstlerisch ist das nicht allen bekommen. „Dass andere Orchester bei der Auswahl längst ohne Ansehen von Personen und Geschlecht strikt auf das Können setzen, zahlt sich bei vielen aus“, stellt Timmermann fest.“ Wenn nach subjektiver Einschätzung das Sinfonieorchester des Bayrischen Rundfunks für das derzeit beste deutsche gehalten wird, verwundert das nicht.

Klingen Orchester mit mehr Frauen anders? Weder Kersken noch Kötter-Lixfeld „hören da etwas heraus“. Sicherlich sei der Umgang im Ensemble offener geworden. „Es gibt Haudegen und ganz feinfühlige Persönlichkeiten, beidseits“, sagt der Bremer Intendant. Das hohe Ansehen der Philharmoniker basiere eben auf „Gemeinschaftsarbeit.“ Kersken führt beim Aufhorchen erregenden Oldenburger Klang die Bratschengruppe ins Feld. Die ist planmäßig mit vier Männern und fünf Frauen besetzt. „Das sagt nichts“, meint Kersken. Entscheidend: „Die fühlen sich miteinander wohl, da klappt alles. Das hört man.“

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