Oldenburg - „Man kann an Enno Meyer ein großes Stück Stadtgeschichte nachzeichnen – auch, wie die Stadt sich verändert hat“, sagt Dr. Burkhard Olschowsky. Der Oldenburger Lehrer Meyer ist dem Berliner Historiker Olschowsky das erste Mal im Studium begegnet – als Initiator der deutsch-polnischen Schulbuchgespräche.
Denn der ehemalige AGO-Schüler hat als Lehrer nicht nur 25 Jahre an der Hindenburgschule Geschichte, Geografie und Deutsch unterrichtet. „Meyer ist eine bedeutende Person, wo es um die Aussöhnung mit Polen und Juden geht“, sagt Olschowsky. Der 1996 im Alter von 82 Jahren verstorbene Oldenburger war unter anderem Träger des Bundesverdienstkreuzes (1980) und des Großen Stadtsiegels (1988).
Der Mitarbeiter des Bundesinstituts für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa sagt über das von ihm herausgegebene Buch „Akteur im Stillen“, für das er viele Zeitzeugen gefunden hat, mit denen er Meyer aus spannenden Blickwinkeln beschreibt: „Es ging mir darum, diese wichtige Person, die vielfach dem Zeitgeist voraus war und sich durch Bescheidenheit auszeichnete, etwas dem Vergessen zu entreißen. Es lohnt sich, an Enno Meyer in Oldenburg und darüber hinaus zu erinnern.“
Enno Meyer, 1913 geboren, wuchs in einem kleinbürgerlichen, deutschnationalen Elternhaus in Oldenburg auf, das nicht untypisch für die ehemalige Residenzstadt war. An Feiertagen wurden im Hause Meyer die Oldenburger Farben Blau-Rot, keinesfalls jedoch Schwarz-Rot-Gold, die Farben der jungen Weimarer Republik geflaggt. „Meyer hat den Aufstieg von Deutschland nach der ,Schmach von Versailles’ mit Wohlwollen begleitet“, sagt Olschowsky.
Was ihn aber vom Gros der anderen Jugendlichen und Studenten unterschied, war sein ausgeprägtes Interesse am östlichen Europa, vor allem Polen. Er begann schon in seiner Schulzeit am AGO, das er mit seinem Freund, dem späteren Pastor Hans von Seggern (heute 103) besuchte, Polnisch zu lernen, noch ehe er 1934 zum Studium nach München ging – dort in einer schlagenden Verbindung.
Seine Polnischkenntnisse sensibilisierten ihn im Krieg für das Schicksal desertierter Kaschuben – vor allem als er vom schweren Los ihrer Familien im von Deutschen besetzten Polen erfuhr. Das waren prägende Erfahrungen.
Anfang der 50er nahm er Kontakt mit polnischen Historikern auf, um seine „47 Thesen zu den deutsch-polnischen Beziehungen“ zu verfassen. Sein Ziel: Die Verbesserung der Schulbücher und der Abbau von Feindbildern auf beiden Seiten. Olschowsky sagt: „Das war zu dieser Zeit ein sehr ungewöhnlicher Schritt, weil Polen hier damals weithin negativ besetzt war – als „Vertreiberstaat“ oder „sowjetischer Satellit“.
Meyer wurde nicht nur zum ,spiritus rector’ der Deutsch-Polnischen Schulbuchgespräche, sondern auch früher Motor der Aufarbeitung der Judenverfolgungen in Oldenburg und in Ostfriesland. Er engagierte sich in der „Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit“ und wurde ihr langjähriger Vorsitzender. Mit ihr und in Kooperation mit Leo Trepp initiierte er den ersten Gedenkstein für die Deportation der jüdischen Oldenburger 1967 in der Petersstraße und am 8. Mai 1985 ein – jahrelang von ihm vorbereitetes – sehr eindrückliches Wiedersehen von mehr als 70 ehemaligen jüdischen Oldenburgern aus aller Welt zum „Tag der Befreiung“ in der Stadt.
Meyer, der nicht nur als bescheiden, sondern auch als menschlich, mutig, entschlossen und einfühlsam beschrieben wird, begleitete die Veränderungen in Oldenburg wie den massiven Zuzug aus den Ostgebieten positiv, er war „mit Leib und Seele Oldenburger“ und blickte zugleich immer über den lokalen Tellerrand hinaus. Olschowsky: „Er forschte intensiv zur Geschichte Polens und suchte stets sein Wissen über das Schicksal von Polen und Juden während der NS-Zeit zu vermitteln und auch Empathie zu wecken. Diesen Aufgaben hat er sich nach 1945 mit einer bewundernswerten Konsequenz verschrieben.“
Auch wenn Enno Meyer seiner Zeit voraus war, war er kein Revolutionär. Olschowsky sagt: „Es ging ihm nicht um den äußeren Effekt, sondern um die Sache. Enno Meyer war in seinen Wertvorstellungen und in seinem Habitus konservativ, zugleich war sein Wirken für die Verständigung mit Polen und für die jüdische Geschichte Oldenburgs progressiv. Diese scheinbare Unvereinbarkeit sagt womöglich mehr über unsere Denkschablonen aus als über Enno Meyers unabhängiges Denken und Handeln jenseits von Grenzen und Konventionen.“
