OLDENBURG - Sie nimmt die Begrüßung durch das Publikum ruhig entgegen, fast schüchtern und mit einer herzlichen Unaufgeregtheit. Gespannt sind hingegen die Zuhörer im vollbesetzten Saal des Oldenburger Theaters Laboratorium auf sie: Inge Jens, Literaturwissenschaftlerin, Publizistin, Bestsellerautorin und die Frau von Walter Jens.
Nun hat sie doch noch den Weg in den Norden gefunden, nachdem die ursprünglich geplante Lesung aus ihrer Autobiografie „Unvollständige Erinnerungen“ (Rowohlt, 320 Seiten, 19,90 Euro) im September verschoben werden musste.
Der Weg habe sich gelohnt, so Inge Jens, sie habe selten etwas so Zauberhaftes gesehen wie diese Spielstätte. Bleibende Eindrücke sind auch das, was die folgenden zwei Stunden bestimmt, in denen die Autorin in Auszügen ihr Leben Revue passieren lässt, beginnend bei der Kindheit in Hamburg. 1949 dann der Wechsel von Hamburg zum Studium nach Tübingen und das Entzücken und die Befremdung über die Freiheit. Mit der Sprache im Ländle tut sie sich schwer, aber da ist ja noch der „hanseatische Hausgenosse“, Lehrbeauftragter an der Uni, dem sie als Gegenleistung zum erhofften Griechischunterricht ihre Ofenheizung anbietet, und mit dem sie bald mehr verbindet als ihre Hamburger Wurzeln: Walter Jens tritt in ihr Leben, der große Rhetoriker und Autor.
Wenn Inge Jens von den Tübinger Jahren erzählt oder von der Begegnung mit Katia Mann, aus der die editorische Betreuung der Briefe und Tagebücher Thomas Manns erwächst, so ist da immer ein Platz für ein „wir“. Dabei bleibt die 82-Jährige selbst ganz Wissenschaftlerin. So leitet sie auch das letzte, das schmerzhafteste Kapitel ein, es schildert die Jahre seit 2003. Die Demenzerkrankung ihres Mannes habe sie u. a. bewogen, dieses Buch zu schreiben. Bei allem Verlust, den dieses geistige Verschwinden mit sich bringt, erinnert sich Inge Jens umso deutlicher an jene selten gewordenen Augenblicke der Klarheit.
