OLDENBURG - Kürzlich erhielt der in Oldenburger lebende Autor Klaus Modick den mit 15 000 Euro dotierten Nicolas-Born-Preis. Modick wehrt sich vor allem gegen literarisches Zweckdenken.

von Klaus modick

OLDENBURG - Die Forderung, „auf dem Teppich zu bleiben und nicht wunschzudenken“, ist „viehisch“. Das hat vor 33 Jahren Nicolas Born festgestellt. Denn anders als beim Vieh wirken „in den Menschen Kräfte, die sich nicht düpieren lassen von so genannten Sachzwängen und eigensinnig auf ihrem Glücksanspruch bestehen, wie immer der von der regulierenden Vernunft kanalisiert werden mag“.

In den drei Jahrzehnten, die seit dieser Diagnose vergangen sind, sind Glücksanspruch und Wunschdenken immer rigider als Unvernunft diskriminiert worden, während die so genannten Sachzwänge triumphieren und die regulierende Vernunft unter dem Euphemismus „Reformen“ immer zynischer wird.

Produktives Wunschdenken ist aber keine utopische Spinnerei. Jean Paul Sartre hat gesagt, dass die Empörung über die Ungerechtigkeit erst von einer Ahnung der Gerechtigkeit ermöglicht werde, und diese Ahnung der Gerechtigkeit ist ja nichts anderes als produktives Wunschdenken, Festhalten am Glücksanspruch, und keineswegs Illusion oder Lebenslüge.

Wunschdenken, wieder mit Born gesprochen, ermöglicht im Gegenteil „die schmerzhafte Korrespondenz mit der Realität“, den Vergleich zwischen dem Angebot des Möglichen und dem realen Angebot unserer Sachzwanggesellschaft.

Musik, Kunst und Literatur, deren Zweck darin besteht, sich dem Zweckdenken zu widersetzen, deren Nützlichkeit darin besteht, frei von der Qual des Nützlichen zu sein, waren stets und sind immer noch Nistplätze solchen Wunschdenkens.

Das heißt nicht, dass sie ununterbrochen Utopien zu entwerfen oder bessere Welten zu imaginieren hätten. Es kann schon reichen, sich den Glauben und die Hoffnung ans Gelingen zu bewahren. Ob meine Bücher gelungen sind, müssen andere entscheiden. In eigener Sache darf ich aber doch sagen, dass ich immer wieder versucht habe, vom Gelingen zu erzählen, vom Suchen, Finden und Sich-Fügen innerhalb eines Zusammenhangs, der dem Gelingen und damit dem Glück nicht sonderlich freundlich gesonnen ist, in der schmerzhaften Korrespondenz mit der Realität also das Wunschdenken wach zu halten.

Und nun ist es an der Zeit, sich zu bedanken. Besonders bei denen, die meine zweckfreien Bücher lesen und manchmal sogar kaufen – was meinem Überleben als Autor sehr nützlich ist. Bei der Jury der Niedersächsischen Kulturkommission, dass Sie mir diesen Preis zuerkannt hat, der den Namen eines Autors trägt, der sich das Wünschen nicht verbieten ließ.

Beim Land Niedersachsen, dass die Ehre dieses Preises allen Sachzwängen zum Trotz mit einer substanziellen, mir sehr nützlichen, aber nicht zweckgebundenen Summe verziert ist. Und schließlich bei meinen Freunden und meiner Familie, dass sie einem Nichtsnutz wie mir immer noch und immer wieder das gewiss nicht leicht zu ertragende Wunschdenken durchgehen lassen.

Ich möchte mit einem Gedicht Nicolas Borns schließen. Es heißt Drei Wünsche, und es lautet so:

„Sind Tatsachen nicht

quälend und langweilig?

Ist es nicht besser drei Wünsche zu haben

unter der Bedingung, dass sie allen erfüllt werden?

Ich wünsche ein Leben ohne große Pausen

in denen die Wände nach Projektilen abgesucht werden

ein Leben das nicht

heruntergeblättert wird

von Kassierern.

Ich wünsche Briefe zu schreiben

in denen ich ganz enthalten bin.

Ich wünsche ein Buch in das ihr alle vorn

hineingehen und hinten herauskommen könnt.

Und ich möchte nicht

vergessen dass es schöner ist

dich zu lieben als dich nicht zu lieben.“

Der abgedruckte Text ist die leicht gekürzte Dankesrede von Klaus Modick beim Empfang des Nicolas-Born-Preises im Oldenburger Schloss. Die Überreichung erfolgte durch Niedersachsens Kulturminister Lutz Stratmann (CDU).