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Aktualisiert vor 1 Minute.

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NWZonline.de Nachrichten Kultur

Furioses Spiel um Leben und Tod

08.10.2018

Oldenburg Harry Haller hockt in der Exerzierhalle in einem Sessel (schönster Gelsenkirchener Barock) und hadert bei ordentlich viel Cognac mit sich und der Welt. Das lässt einen zähen Theaterabend befürchten. Doch die ausverkaufte Premiere von „Der Steppenwolf“ am Samstagabend verläuft ganz anders. Die Bühnenfassung (Joachim Lux) des Romans von Herrmann Hesse hat Christopher Fromm spannend und dank Videoeinblendungen und Rockband (musikalische Leitung: Hauke Beck) anregend inszeniert. Es ist sein Regiedebüt am Oldenburgischen Staatstheater. 100 Minuten (ohne Pause) dauert die anarchistische Abendunterhaltung, und das Publikum hat keine einzige Minute davon bereut.

Den größten Anteil daran hat Johannes Lange, der das kräftezehrende Spiel als Harry Haller, Hermine, Maria und Pablo wunderbar wandlungsfähig und bravourös meistert. Alle Hochachtung. Nicht weniger als sechs Rollen füllt Fabian Kulp ebenso souverän aus. Die weiteren Mitwirkenden bei Film- und Tonaufnahmen sind Rebecca Seidel, Helen Wendt, Rajko Geith, Johannes Schumacher, Nientje C. Schwabe, Alexander Price Osei, Charly Ahlers, Emma Bahlmann, Ute Brakenhoff, Christoph Festner, Fadil Hamzai, Lena Karius, Philippe Richwin, Franziska Stuhr und Ursula Ziehm.

Die Bühne (Clara Kaiser, Bildregie und 3D-Design: Gerrit Oosterhof) in der Exerzierhalle beherrscht eine in viele Einzelteile zerlegte Leinwand – einem zerbrochenen Spiegel gleich. Nach und nach wird Johannes Lange das Puzzle zusammensetzen, um den Harry Hallers dieser Welt erwartungsgemäß den Spiegel vorzuhalten.

Harry Haller, ein Mann um die 50, ist ein in Selbstmitleid zerfließender Zyniker, ein Melancholiker und Misanthrop, ein eigenbrötlerischer Sonderling. Chronisch schlecht gelaunt, rechnet er ab mit den Aktiengesellschaften und dem Bürgertum. Sein Hass auf die Kriegstreiber lässt ihn zum Tier werden – zum Steppenwolf. Eine der eindrücklichsten Szenen spielt sich vor einer Jahrmarktsschießbude ab. Weibliche Körper gebären wie am Fließband Nachschub für die Kriegsmaschinerie. Es sind drastische, wie mit dem Holzhammer gemalte Bilder, aber das muss in Zeiten wie diesen wohl so sein. Der Schriftsteller Hesse bezeichnete seinen 1927 veröffentlichten Roman als „angstvollen Warnruf vor dem kommenden Weltkrieg“.

Es wohnen zwei Seelen in Hallers Brust, denn eigentlich wünscht er sich nichts mehr als geliebt zu werden und Teil der bürgerlichen Gesellschaft zu sein. Hermine soll seine Rettung sein. Sie kennt sich aus an der Oberfläche des Lebens. Von ihr will er lieben, lachen und leben lernen. Hoffnungsvoll folgt er der Einladung zu einer Reise in seine Seele

Es ist ein furioses, zuweilen skurriles Spiel um Leben und Tod. Haller, mit Rasierschaum eingeseift und mit Glitter berieselt, suhlt sich in seinem Glück und erlebt Ekstase in einer vergnügten Scheinwelt. Er scheint dem Ziel näher zu kommen, sich selbst nicht mehr ernst zu nehmen. Doch der Steppenwolf in ihm lässt sich nicht so schnell bändigen. Im Rausch tötet er Hermine, die Strafe folgt auf dem Fuße. Haller wird zum lebenslangen Humor verurteilt, zum Lachen über sich selbst und die Unvollkommenheit der Gesellschaft.

Es ist das schlüssige Ende einer bemerkenswerten Inszenierung, die uns nicht den Verstand gekostet hat, wie der Programmheftverkäufer vor Beginn der Aufführung gewarnt hatte, aber zu der Erkenntnis kommen lässt, dass Lamentieren allein nicht reicht, wenn sich was ändern soll in dieser Welt.

Lore Timme-Hänsel Redakteurin / Kulturredaktion
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