OLDENBURG - Wie viel Geschichte braucht Europa? 27 Staaten der Europäischen Union bedeuten 27 unterschiedliche Antworten auf diese Frage, da waren sich die Diskussionspartner am Mittwoch einig. Immerhin drei Staaten waren im Kulturzentrum PFL auf dem Podium vertreten: Deutschland, Österreich und mit dem diesjährigen Carl-von Ossietzky-Preisträger und Warschauer Historiker Wlodzimierz Borodziej auch Polen.

Doch selbst der hochkarätige Besuch lockte nur rund 40 Besucher in die Sitzreihen vor der Bühne. Die allerdings wollten allesamt Informationen aus erster Hand über den aktuellen Umgang mit europäischer Zeit- und Gegenwartsgeschichte hören. Und dazu gab es zwischen den trinationalen Diskussionspartnern auch genügend Geprächsstoff.

Neben Wlodzimierz Borodziej hatte das städtische Kulturbüro Stefan Troebst, stellvertretender Direktor des Geisteswissenschaftlichen Zentrums Geschichte und Kultur Ostmitteleuropas in Leipzig, Oliver Rathkolb, Professor für Zeitgeschichte an der Historisch-Kulturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien, eingeladen. Um die aktuelle Lage zu verstehen, müsse man allerdings auch in die Vergangenheit schauen, leitete Moderator Friedrich-Wilhelm Kramer vom NDR Schleswig-Holstein die Diskussion ein und stellte die Frage nach der Erinnerungskultur der europäischen Länder.

„Die Erinnerungskultur ist ein Abgleich nationaler Gedächtnisse“, beschrieb Stefan Troebst am Beispiel des Zweiten Weltkrieges. Der Bedarf an Geschichte sei in einigen Gesellschaften mittlerweile gedeckt. Die unterschiedlichen Sichtweisen der Länder in einem gültigen Satz für Europa zusammenzufassen, hielten die Experten so einstimmig für illusorisch.

„Kann es auf dem Kontinent Europa trotz seiner Geschichte dauerhaft Frieden geben?“, warf Moderator Friedrich-Wilhelm Kramer in die Runde. „Betrachtet man das kleine Europa, sprich die EU, ist der Frieden nicht sicher. Aber so sicher wie nie zuvor“, philosophierte Wlodzimierz Borodziej in seinem Schlusswort. Einen Wandel in den vergangenen Jahren sah auch Oliver Rathkolb: „In Folge von Migration gab es eine Änderung von Geschichtsempfinden. Wir befinden uns auf einer nächsten Ebene.“