Oldenburg - Carolin Auchter blickt über ihre Schulter auf die große Pinnwand hinter ihrem Schreibtisch: Wo für gewöhnlich mehrere Leporellos mit Monatsprogrammen hängen, glänzt nun das blanke Metall dem Betrachter entgegen. „Normalerweise würden wir jetzt um diese Zeit den Oktober verabschieden und schon sehr konkret in die Planung des Novembers gehen“, sagt die Disponentin am Oldenburgischen Staatstheater. Eigentlich, normalerweise – viel gebrauchte Begriffe in der Corona-Krise. Auch bei Carolin Auchter: „Normalerweise planen wir drei Monate im Voraus“, erläutert sie. Nun hat das Team gerade mal – wenn es gut läuft – die nächsten drei Wochen fest im Blick. „Eigentlich hätten wir schon im April die Spielzeit fürs nächste Jahr veröffentlicht – und jetzt sind wir bei August/September.“
Carolin Auchter wurde 1989 geboren. Nach dem Abitur 2008 lebte sie als AuPair ein Jahr in London. Anschließend studierte sie Kultur und Wirtschaft an der Uni Mannheim und der Uni Tampere in Finnland.
Seit der Spielzeit 17/18 arbeitet sie am Oldenburgischen Staatstheater, erst als Mitarbeiterin im Künstlerisches Betriebsbüro, dann als Disponentin und Referentin des Künstlerischen Betriebsdirektors.
Eine Disponentin trifft in Abstimmung mit Abteilungen des künstlerischen und technischen Bereichs und mit der Personalvertretung die Entscheidungen für den Spiel- und Probenbetrieb.
Carolin Auchters Metier ist die Planung – und wenn eines in der Krise gerade schwierig ist, dann, sich festzulegen. Oder schafft man in dieser Zeit dennoch Sicherheit?
Mehr Sitzungen als sonst
Ihr Arbeitstag habe sich eigentlich gar nicht so viel entschleunigt, so Auchter. Wo bei anderen Stillstand herrscht, stapeln sich bei der Disponentin die Aufgaben und Termine. Denn die Planung muss natürlich weitergehen. „Ich bin sehr sehr viel in Sitzungen, vielleicht noch mehr als sonst“, sagt die 31-Jährige. Anstatt entzerrt weit im Voraus zu planen, muss nun weitaus kurzfristiger und mehr geplant werden. „Dementsprechend brauchen wir mehr Termine, denn auf dieser Disposition, die ich veröffentliche und ans Haus schicke, basieren alle Dienstpläne der technischen Gewerke“, erklärt Carolin Auchter. Schwierig für die Schauspieler und Regieteams, denn sie müssen sich mit den Proben kurzfristig ausrichten. Aber auch nicht viel einfacher für die Disponentin.
Die Proben zu koordinieren, ist aufwendig. „Auf unserer größten Probebühne, wo normalerweise bis zu 60 Personen proben, dürfen jetzt maximal 15 Leute stehen.“ Heißt also: Es gibt keine großen Chorproben, keine Ensembles, aber Liebesduette – mit sechs Metern Abstand. Auch die Soli müssen in kleineren Gruppen zusammenarbeiten, es müssen Abstände eingehalten werden. Zudem muss ausreichend gelüftet und die Räume müssen aufgefrischt werden. Auch im Ballett gelten strenge Abstandsregelungen. Der Fokus in der Planung liegt aktuell vor allem darauf, möglichst viele kleine Gruppen in vielen verschiedenen Räumen unterzukriegen. Das, was bald auf der Bühne zu sehen sein wird, muss ja auch vorher ausreichend geübt werden.
Vom Kontakt mit anderen Theatern weiß die Disponentin, dass viele Häuser ganz unterschiedlich mit der Planung umgehen. Manche haben gleich mehrere Varianten für die kommende Spielzeit ausgearbeitet, aus denen sie sich nach den Theaterferien dann je nach den aktuellen Maßnahmen das passende Modell aussuchen.
Ein wenig Ruhe im Haus
Das Staatstheater Oldenburg hingegen hat sich auf ein Schema festgelegt. „Um ein bisschen Planungssicherheit zu haben – und im Haus ein wenig Ruhe reinzubringen – machen wir alles auf ein Minimum Corona-tauglich.“ Der bisherige Spielplan wurde komplett umgeworfen und es wurde noch mal bei Null angefangen. Wenn dann wegen Lockerungen doch ein Chor oder ein Orchester möglich werden, lässt sich die Variante ausbauen.
Für die 31-Jährige war es sehr interessant, wie man „als Theater reagiert.“ Dass es in solchen natürlich Krisensituationen unterschiedliche Ansichten gibt. Dass aber am Ende klar wird: Ob Techniker, Künstler, Planung, Verwaltung – es braucht wirklich jeden Einzelnen, um Theater zu machen. „Das wissen wir jetzt umso mehr.“ Am meisten fehlen Auchter die Aufführungen. „Wir arbeiten ja unermüdlich daran, Dinge zur Premiere zu bringen.“ Man fange mit einer Produktion an, probt, die Anspannung wächst. Wie gut, dass hinter den Kulissen wieder viel passiert.
In loser Reihenfolge berichtet die Kulturredaktion über verschiedene Mitarbeiter im Oldenburgischen Staatstheater. Ob Dramaturgieassistentin, Schauspieler oder Veranstaltungstechniker – sie erzählen uns ihre Corona-Geschichte.
