OLDENBURG - Alexander Müller-Elmau ist ein guter Regisseur. Und gewiss lässt sich mit ein wenig Tiefgründeln und viel Wohlwollen schönschwurbeln, was das sollte: dem „Kaiser von Atlantis“ „Death knocks“ als „Vorspiel“ voranzustellen. Doch spätestens, wenn man das Kleine Haus verlassen hat und nur noch an den „Kaiser“ denken kann, wird einem klar, wie ärgerlich überflüssig das Vorspiel gewesen ist – und welcher Bärendienst Christian Josts „Death“ mit dieser Kombination erwiesen wurde.
Sehr durchsichtig
Schon für sich hat dessen 30-minütige Zwei-Personen-Oper Schwierigkeiten zu bestehen. Da besucht der Tod in Gestalt einer Frau einen Geschäftsmann, der nicht sterben will. Er verwickelt Frau Tod in Gespräch und Kartenspiel um einen weiteren Tag Leben, gewinnt und verhöhnt sie. Die Woody-Allen-Vorlage mit ihrem zynischen Schnodderton kriegt Josts Musik zwar nicht kaputt. Aber sie erhöht sie auch nicht; die Sprechgesänge, die Rubati, die Anleihen bei Jazz und Clustertechnik nutzen sich ab und wirken durchsichtig.
Neben Viktor Ullmanns Oper „Der Kaiser von Atlantis“ muss so etwas auf Schmonzettenformat schrumpfen. Bei ihr nämlich, komponiert im KZ Theresienstadt auf ein Libretto des Mithäftlings Peter Kien und vorgesehen für eine Aufführung im Lager, handelt es sich um ein vielschichtiges Werk, reich an Anspielungen, funkelnd klugen Fragen und blitzenden Ideen. Ungestraft pfuscht niemand dem Tod ins Handwerk, könnte eine ihrer Lehren lauten. Niemand, selbst der größte Schlächter nicht. Aber selbst der bleibt, wenn er stirbt, ein Mensch.
Müller-Elmau, Karl Prokopetz als musikalischer Leiter, Ensemble und Orchester schenken Oldenburg einen Atem raubend eindrücklichen „Kaiser“ voller Wucht und Brillanz. Mit dem ersten von sieben Bildern – der Bühnenboden, übersät mit Altkleidern, brennt einem die Assoziation „Laderampe“ ein – beginnt ein Sog, der mit dem Schlussbild noch lange nicht endet: Der Kaiser, hingeworfen, sehr nackt, sehr tot, aus dem Himmel schweben Steine auf ihn (Erinnerungs-Steinchen, Steine für Gräber, souffliert das Gedächtnis). Alles wird hell. Vorhang.
Paul Brady gefeiert
Dazwischen liegen 60 explosive Minuten. Schnörkellos und forsch im Tempo leuchten Regie und musikalische Leitung die Partitur aus. Alles drängt nach vorne, ergreift – und streift Erinnertes. Da der Zahlen- und Gründlichkeitswahn der Todesverwalter, dort, „Hallo, hallo!“, die herzlose Automatenhaftigkeit ihrer „Lautsprecher“. Die Komplexität der Musik steht der des Textes nicht nach; ständig wechseln die Idiome. Mahler wird zitiert, Suk und Weill, und als der Tod endlich wieder zuschlägt, zersägt ein Chor die Melodie von „Ein feste Burg ist unser Gott“ zu Dissonanzen. Bei all dem achtet die Regie konsequent die Allegorik des Stückes; das Thema „Konzentrationslager“ bleibt zwar präsent, wird jedoch nie platt apostrophiert.
Die Sänger, besonders Publikumsliebling Paul Brady (Kaiser), Linda Sommerhage (Trommler) und Peter Felix Bauer (Tod), stehen den Parforceritt wider das Vergessen grandios. Langer Beifall für alle, auch das Regieteam.
