• Jobs
  • Immo
  • Auto
  • Kleinanzeigen
  • Trauer
  • Hochzeit
  • Guide
  • Shop
  • Tickets
  • nordbuzz
  • Fußball
  • Werben
  • Kontakt
 
NWZonline.de Nachrichten Kultur

Zärtlichkeit will gelernt sein

04.10.2018

Oldenburg Das Ende steht am Anfang. Und eigentlich ist nach einer Minute alles gezeigt. Im Duell erschießt Baron Geert von Innstetten hinten auf der Bühne den früheren Kurzzeitliebhaber seiner Ehefrau. Peng, knallte es schon, als der rote Vorhang im Großen Haus des Oldenburgischen Staatstheaters hochging. Was in Theodor Fontanes Roman „Effi Briest“ zum Schluss hin passiert, hat Regisseur Peter Hailer in seiner Bühnenversion, die er mit Bernd Schmidt erarbeitet hat, an den Beginn gestellt.

Gleich klare Kante? Oder ist die Luft zu früh raus?

Das Stück dauert zweieinviertel Stunden und hat eine Pause. Das zu erwähnen ist wichtig, weil es auch gefühlt in zwei völlig verschiedene Hälften zerfällt: Im ersten Teil sehen wir in einem ziemlich getragenen Tempo dem Backfisch Effi zu (erfrischend emotional und am Ende zu Tränen rührend: Rebecca Seidel). Effi wird von den Eltern mit dem älteren Innstetten verheiratet, um dann in Einsamkeit und Dumpfheit der pommerschen Pampa zu versauern, wo sie sich kurz durch eine Affäre mit Major von Crampas Abwechslung verschafft.

wo es Karten gibt

Karten für „Effi Briest“ im Staatstheater unter: Telefon   0441/222 51 11

„Effi Briest“ ist eigentlich ein Roman von Theodor Fontane (1819–1898), der von Oktober 1894 bis März 1895 in sechs Folgen in der Deutschen Rundschau abgedruckt wurde, bevor er 1896 als Buch erschien.

Alle Ð-Kritiken unter: www.staatstheater.de

Im zweiten Teil folgt überraschend wuchtig die eigentliche Katastrophe, die Tragödie: harsch und hart, dunkel und traurig – die Revanche für die vor Jahren begangene Untreue, der Tod des ehemaligen Liebhabers, die Ächtung von Effi aufgrund der im 19. Jahrhundert herrschenden Moral, die Wegnahme ihres Kindes, die Krankheit, der Tod.

Zunächst trägt Effi ein Kleid in Rosa, später in Blutrot, am Ende in Schwarz – das spiegelt die Stimmung. Und die Bühne gibt der liebreizenden Effi auch keinen Halt. Der kahle Kasten ist mit grauem Holz verbrettert. Die Bühne von Martin Fischer gleicht einem Bunker nach dem Dritten Weltkrieg. Als es Effi schlecht geht, werden die Wände sogar erschreckend zusammengeschoben. Die Kleidung ist heutig, für etwas Pep sorgen Gesangseinlagen von Helen Wendt als Marietta Trippelli oder flotte Sprüche. Effis Mutter über ihren Mann: „Jeder quält seine Frau.“

Die Personen sind betont differenziert angelegt. Effi, die sich vom Jungmädchen zur selbstbewussten Frau mausert, wird nicht brutal in eine Zwangsheirat gedrängt. Sie äußert letztlich viel zu leise ihre Zweifel. Und nur etwas zögerlich zieht sie mit ihrem Köfferchen in die Pampa. Innstetten ist kein dumpfer Prinzipienreiter. Sicher, Schauspieler Fabian Felix Dott geht schön steif, so als trage er einen Stock im Rücken. Aber er zweifelt auch mal. Indes, nach dem Schuss wird alles weggeschoben: „Ich hatte keine Wahl“.

Und die Eltern von Effi? Matthias Kleinert sagt uns oft genug sein Sprüchlein vom „weiten Feld“ auf. Franziska Werner, die man nicht unbedingt für eine Mutti-Rolle eingeplant hätte, spielt eine Frau, die die Gesellschaft durchblickt, ohne sie ändern zu können.

Zärtlichkeit ist in der Familie oder der Ehe von Effi ein Fremdwort. Alle haben Gefühle, aber Angst, sie auszuleben. Eigentlich möchte kein Hund so länger leben, weshalb Effi gern zu ihrem Rollo läuft, der irgendwo hinter der Bühne kläfft. Alle, selbst die Haushaltshilfe Roswitha (herrlich natürlich: Caroline Nagel), mussten irgendwann mal von der dumpfen Soße kosten, die da kälteste Moral heißt. So gibt es hier keine richtig bösen oder schlechten Menschen, die Schuld verteilt sich auf viele Schultern.

Wer den ersten, länglichen Teil des Abends übersteht, der kann über den zweiten Teil nicht klagen: Das Stück kann sich dann sehen lassen – es wurde ja auch schon von Hailer so ähnlich vor Jahren in Darmstadt gezeigt. Nun, was gut ist, kann man gern in Oldenburg wiederholen. Allerdings wird keine Dramatisierung jemals die Lektüre des wunderbaren Buches von Fontane ersetzen können.

Dr. Reinhard Tschapke Redaktionsleitung / Kulturredaktion
Rufen Sie mich an:
0441 9988 2060
Meine Themen: Verpassen Sie keine für Sie wichtige Meldung mehr!

So erstellen Sie sich Ihre persönliche Nachrichtenseite:

  1. Registrieren Sie sich auf NWZonline bzw. melden Sie sich an, wenn Sie schon einen Zugang haben.
  2. Unter jedem Artikel finden Sie ausgewählte Themen, denen Sie folgen können.
  3. Per Klick aktivieren Sie ein Thema, die Auswahl färbt sich blau. Sie können es jederzeit auch wieder per Klick deaktivieren.
  4. Nun finden Sie auf Ihrer persönlichen Übersichtsseite alle passenden Artikel zu Ihrer Auswahl.

Ihre Meinung über 

Hinweis: Unsere Kommentarfunktion nutzt das Plug-In „DISQUS“ vom Betreiber DISQUS Inc., 717 Market St., San Francisco, CA 94103, USA, die für die Verarbeitung der Kommentare verantwortlich sind. Wir greifen nur bei Nutzerbeschwerden über Verstöße der Netiquette in den Dialog ein, können aber keine personenbezogenen Informationen des Nutzers einsehen oder verarbeiten.